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Kultur Väter und Söhne
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08:52 27.05.2015
Von Martina Sulner
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Heinrich Zimmermann ist ideenreich und durchsetzungsfähig - und will sich aus der engen Welt seines Vaters befreien. Wie sein Vater handelt auch Heinrich mit Leder, doch er zieht das Geschäft in großem Maßstab auf. Damit ist er so erfolgreich, dass er sich irgendwann eine Villa in der Nähe der Eilenriede bauen kann. Hier, in Hannover, beginnt die Geschichte der jüdischen Familie Zimmermann, von der André Herzberg in seinem Roman „Alle Nähe fern“ erzählt. Die Familiensaga führt von Hannover nach Südafrika und Großbritannien, in die USA und nach Kuba - und wieder zurück nach Deutschland.

Zu Beginn des Romans schildert Herzberg die klassische Geschichte eines assimilierten Aufsteigers: Heinrich Zimmermann, nicht sonderlich gläubig, bringt es in Hannover zum angesehenen Unternehmer. Begeistert zieht er 1914 in den Ersten Weltkrieg; innerlich angeknackst, äußerlich ganz der erfolgreiche Geschäftsmann, nimmt er nach Kriegsende sein früheres Leben wieder auf. Die Nazis, glaubt er lange, seien nur ein kurzer Spuk, irgendwann würden sie schon wieder verschwinden, Antisemitismus habe es schließlich immer gegeben. Als sein Unternehmen „arisiert“ wird, begreift er endlich, wie bedroht sein Leben ist. Die Familie Zimmermann entgeht der Vernichtung, rechtzeitig können die Eltern und die erwachsenen Kinder emigrieren. Nach 1945 kehrt Sohn Paul aus Großbritannien nach Deutschland zurück; er geht in die DDR, in das vermeintlich bessere, antifaschistische Deutschland, wie der überzeugte Kommunist glaubt. Dort macht er Karriere als Journalist.

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Erzählt ist die Familiengeschichte aus der Sicht von Pauls Sohn, Jakob, der Mitte der Fünfzigerjahre in Ostberlin geboren wird. Jakobs Herkunft und seine Biografie haben zahlreiche Parallelen zu der Lebensgeschichte André Herzbergs. Der Autor macht keinen Hehl daraus, dass weite Teile von „Alle Nähe fern“ autobiografisch geprägt sind. Herzberg wurde 1955 geboren; Anfang der Achtzigerjahre gehörte er zu den Mitbegründern der Rockband Pankow. Die in der DDR erfolgreiche Band löste sich später auf.

Vor 15 Jahren debütierte Herzberg als Autor mit einem Erzählband; ein paar Jahre später erschien der autobiografische Roman „Mosaik“. Darin beschreibt er, wie es sich lebt, wenn das Heimatland verschwindet, die Karriere zu Ende geht, man nach einer neuen Perspektive sucht - Themen, die sich auch in dem aktuellen Roman finden. „Alle Nähe fern“ ist nicht nur die weitgehend chronologisch erzählte Geschichte einer deutsch-jüdischen Familie im 20. Jahrhundert: Eindringlich schildert der Autor auch die Schwierigkeiten zwischen Vätern und Söhnen. Das Unverständnis zwischen den Generationen führt manchmal zu Streit, meist aber dazu, dass man sich anschweigt. Verbittert, unverstanden, verletzt.

Herzbergs Buch erzählt viel über Leben und Lebenslügen in der DDR. Der Unternehmersohn Paul, der im Exil zum Kommunisten geworden ist, gehört zu den hohen Funktionären. Sein Sohn Jakob, Herzbergs Alter Ego, bäumt sich auf gegen die Enge in dem Staat, gegen dessen Ideologie - und sucht doch die Nähe zum karrieristischen Vater.

Die Kluft zwischen den Rückkehrern aus dem Exil, die in der DDR Karriere machten, und ihren Kindern ist schon oft beschrieben worden, von Thomas Brasch (Jahrgang 1945) zum Beispiel oder auch von Barbara Honigmann (Jahrgang 1949). Bei Herzberg führt die Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte dazu, dass er sich mit dem Judentum beschäftigt, sich irgendwann als Teil der Religionsgemeinschaft begreift, wie er in seinem Roman schildert. In seiner Danksagung schreibt der Autor: „Ich danke Gott, der mir nach vielen schwierigen Jahren wieder den Weg ins Licht gezeigt hat.“

Herzberg lotet nicht so sehr die Psyche seiner Figuren aus, sondern beschreibt deren Lebenslauf. Meist schreibt er kurze, manchmal fast abgehackt wirkende Sätze. Der Roman klingt dadurch mitunter gehetzt und unruhig, doch gerade dieser Stil passt genau zu dem Erzählten - und er zieht den Leser in die Geschichte hinein.

Am Ende des Romans verlagert sich die Handlung noch einmal nach Hannover. Hier treffen die Mitglieder der Familie, die in den Dreißigerjahren in die verschiedenen Ecken der Welt geflüchtet ist, zusammen. Es ist der Tag, als vor der früheren Villa der Familie fünf Stolpersteine in den Gehweg eingelassen werden - vor dem ehemaligen Wohnhaus der Herzbergs in der Richard-Wagner-Straße 22.

André Herzberg: „Alle Nähe fern“. Ullstein. 272 Seiten, 21 Euro.

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