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Kultur Crash des Lebens
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00:15 28.05.2015
Von Jutta Rinas
Der Tod kommt auf Rädern: Philipp Heo als Werther bringt sich um, Charlotte (Monika Walerowicz) beobachtet es mit Schrecken. Quelle: Jörg Landsberg
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Hannover

Es geht um Liebesschmerz und Todesverlangen. Und zugleich darum, dass ein Seelendrama wie Jules MassenetsWerther“ nicht nur im späten 19. Jahrhundert, sondern auch in der Gegenwart, im trügerischen Idyll einer kleinbürgerlichen Familie von heute, noch seinen Platz finden kann.

Es ist der Kontrast zwischen diesen beiden Polen – zwischen existenziellen, Gefühlen und Alltagspflichten –, aus der Bernd Mottls ins 20. Jahrhundert verlegte Interpretation dieses „Werther“ ihren Reiz bezieht. Jetzt feierte sie an der Staatsoper Hannover Premiere.

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Den Werther lässt der Regisseur, der in Hannover unter anderem schon Frederick Loewes „My Fair Lady“ und Kurt Weills „Street Scene“ inszenierte, gleich zu Beginn in einer profanen Gartenschaukel mit Siebzigerjahre-Anmutung über die Liebe sinnieren. Der junge versponnene Dichter (Philipp Heo) ist fasziniert von Charlotte, der Tochter des Amtmanns (mit Weihnachtsmütze: Michael Dries), die nach dem Tod der eigenen Mutter trotz ihrer gerade einmal 20 Jahre die Ersatzmutter für ihre Geschwister geben muss. Die überragende Monika Walerowicz macht aus ihr einen „Engel der Pflicht“(wie es im Libretto heißt), dessen besondere Anziehungskraft irgendwo zwischen mädchenhaftem Charme und bürgerlicher Fraulichkeit angesiedelt ist.

Jules Massenets „Werther“ hat an der Staatsoper Hannover Premiere gefeiert.

Eine Wohnküche, die Waschküche, das Wohnzimmer oder die Garage ziehen im Laufe der Inszenierung als Spielorte am Publikum vorbei. Goethe hat die Geschichte Werthers in Briefen beschrieben. Mottl erzählt sie bilderbogenartig (Bühnenbild: Friedrich Eggert), verlegt sie bis auf ein letztes, spektakuläres Bild, den Selbstmord Werthers als Autocrash, in die Räume eines kleinbürgerlichen Einfamilienhauses, das sich so in jeder Vorortsiedlung irgendwo in Deutschland befinden könnte. In allen Zimmern sind die Rolläden geschlossen. Die Enge, die in dieser Familie herrscht, wird so versinnbildlicht. Einen Ausblick nach draußen gibt es nicht. 

Es sind die genau beobachteten, wirkungsvoll eingesetzten Details, die Mottls Massenet überzeugen lassen. Nur manchmal atmet diese Inszenierung zu sehr den Geist der prüden Siebzigerjahre: Der Hausfrauencharme Charlottes und Sophies (Ina Yoshikawa), die hauptsächlich in Küchenschürze durch das Bühnenbild stapfen, wirkt zu Beginn des 21. Jahrhunderts doch etwas antiquiert. Goethes, noch heute noch oft bei Hochzeiten verwendeter, ziemlich altkluger Aphorismus „Die Ehe ist nie ein Letztes, sondern Gelegenheit zum Reifwerden“, den Mottl dem zweiten Akt voranstellt, löst im Publikum sogar ein empörtes Raunen aus.

Hochdramatisch, zerrissen, tragisch

Dass diese Inszenierung dennoch so gut funktioniert, hat damit zu tun, dass all diese Prüderie und Staubigkeit – von der auch Christopher Tonkin als Albert und Latchezar Pravtchev und Daniel Eggert als Schmidt und Johann ein Lied zu singen wissen – den Kontrast zu der von Massenet so kunstvoll in Musik verwandelten Sehnsucht Werthers und Charlottes nach der großen Liebe nur noch verstärken.

Werther“ ist eine Sängeroper, die mit dem Protagonistenpaar steht und fällt. Philipp Heo und Monika Walerowicz gestalten deren verzweifelte Versuche, die Fesseln der Norm abzustreifen, ebenso leidenschaftlich wie berührend. Wunderbar weich und empfindsam legt Philipp Heo den so weltentrückten und zugleich gegen alle Widerstände an seiner Liebe festhaltenden Werther an. Selbst seinen Ossian-Gesang „Pourquoi me reveiller“ durchzieht trotz aller Verzweiflung vor allem leise Melancholie.

Hochdramatisch, zerrissen, tragisch gibt Monika Walerowicz die Charlotte, rückt sie ins Zentrum des Stückes und verwandelt die große Soloszene „Laisse couler mes larmes“ in den puren Schmerz einer Frau, die sich zu spät der richtigen Gefühle im Falschen bekennt und am Ende alles verliert. Dirigentin Anja Bihlmaier, von kommender Spielzeit an stellvertretende Generalmusikdirektorin in Kassel, hielt Massenets zwischen Härte und Sentiment changierende Musik wunderbar in Balance. Transparent klang das und immer schön.

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