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19:06 02.09.2012
Die Schwerkraft tanzt mit: „Cloudy Crowd“ von Chikako Kaido. Quelle: Thomas Ammerpohl
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Hannover

Junge Menschen in lässigen Strickpullis lassen sich auf die Erde plumpsen und beginnen ein- und auszuatmen. Gaaaanz Tieeeef. Doch ist das hier kein Geburtsvorbereitungskurs oder gar eine esoterische Reise zum Mittelpunkt des Körpers. Vielmehr handelt es sich um zeitgenössischen Tanz der witzig-virtuosen Art. „Exit“ von Philipp van der Heijden ist buchstäblich atemberaubend.

Der 32-jährige Hamburger bestritt am Sonnabend mit seinem Stück über die menschliche Atmung das Finale des dreiteiligen Tanzabends „Think Big“, dem umjubelten Überraschungscoup der27. Ausgabe von Tanztheater International. Festivalchefin Christiane Winter und das Ballett der Staatsoper Hannover unter Leitung von Jörg Mannes habengemeinsam ein Künstler-Residenzprogramm auf die Beine gestellt, dessen höchst unterschiedliche Ergebnisse jetzt im Rahmen des Festivals in der hannoverschen Musikhochschule ihre Uraufführung hatten. Neben van der Heijden wurden der Israeli Yaron Shamir und die Japanerin Chikako Kaido - beide leben in Deutschland - für das Pilotprojekt „Think Big“ aus insgesamt 30 Bewerbern ausgewählt. Innerhalb von nur vier Wochen kreierten sie mit zehn von ihnen gecasteten freien Tänzern jeweils ein halbstündiges Stück. Herausgekommen sind drei recht unterschiedliche Choreografien. Was sie eint, sind Coolness und Raffinesse.

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Van der Heijdens atmungsaktive Inszenierung kommt fast ohne Musik aus. Das gemeinsame Luftholen der Tänzer formiert sich zu einem synchronen Rhythmus. Brust raus, Bauch rein, Brust raus, Bauch rein. Irgendwann zucken Arme und Beine mit im Takt, nickt der Kopf und schwingt die Hüfte. Das Atmen wird schneller, steigert sich zum Fauchen und Bellen. Plötzlich wird das hörbare Luftholen von Liza Minnellis kraftvoller Stimme übertönt. Der poppige Klangteppich von „Losing My Mind“ legt sich auf die Atemlaute. Unhörbar schnappen die Tänzer aus der Tiefe des Bauches nach Luft. Als die Musik abrupt endet, hat sich das Atmen zum Keuchen gesteigert. „Exit“ bewegt sich zwischen Aerobic und Erotik, alltäglicher Geste und absurdem Theater.

Dagegen ist Chikako Kaidos Produktion „Cloudy Crowd“ eher ruhig. Doch auch hier sind die Tänzer körperlich gefordert. Kaido arbeitet mit den Prinzipien der Schwerkraft und des Gleichgewichts. Immer wieder lassen sich die Tänzer fallen und richten sich wieder auf. Wie mechanische Puppen, die in ihrer Unvollkommenheit nur mühsam einen Fuß vor den anderen setzen können. „Cloudy Crowd“ erschließt sich dem Betrachter nicht so eindeutig wie „Exit“, und doch ist Kaidos sperrige Bewegungssprache ein Hingucker.

Yaron Shamir thematisiert in „Urban Wolf“ die Fremdheit und Verlorenheit des Einzelnen in einer Großstadt. Halb nackt und somit verletzlich muss sich eine Tänzerin zu Beginn einer in schwarze Anzüge gekleideten Meute Menschen stellen. Schließlich wird sie ein Teil der Gruppe, die sich zu Oliver Doerells assoziativer Musik im Stroboskoplicht wälzt und balgt wie junge Welpen in der Wurfkiste. „Urban Wolf“ ist wahrhaftig packend.

Für alle drei Choreografen und ihre engagierten Tänzer gab es lang anhaltenden Beifall in der ausverkauften Musikhochschule. Doch die große Resonanz allein reicht nach Worten von Christiane Winter noch nicht aus, um auch im nächsten Jahr wieder ein Residenzprogramm für junge Choreografen im Rahmen des Festivals zu ermöglichen. Knackpunkt ist die Finanzierung des 35000 Euro teuren Projekts. Und die ist für 2013 noch nicht gesichert. In diesem Jahr haben Stadt, Kulturregion Hannover und Stiftung Niedersachsen „Think Big“ finanziell unterstützt. Winter hofft auf eine Wiederauflage.

Um die Bandbreite des zeitgenössischen Tanzes abzubilden, setzt sie neben erfahrenen Compagnien wie etwa Peeping Tom, die das Festival eröffnet haben, auch gezielt auf Newcomer. Die ziehen vor allem auch junges Publikum an, wie nicht zuletzt der Freitagabend im Ballhof 1 bewies, wo Sébastien Ramirez und Hyun-Jung Wang zum „True Blue Market“ mit vier finnischen Tänzerinnen und einem Tänzer eingeladen hatten.

Auch Ramirez (Sieger des diesjährigen Choreografenwettbewerbs der Ballettgesellschaft Hannover und mit seinem Stück „Monchichi“ noch einmal am Dienstag und am Mittwoch im Ballhof 1 zu sehen) und seine Partnerin Wang begeisterten mit einer Bewegungssprache, die trotz ihrer Präzision und Komplexität überaus erfrischend und unkonventionell daherkommt. Das liegt nicht zuletzt an den temporeichen Hip-Hop-Einlagen. Die kopflastige Inhaltsangabe im Programmheft über den „Markt als öffentlichen Ort“ kann man sich auch sparen. „True Blue Market“ ist purer Tanzgenuss zum Schauen und Staunen.

So geht’s weiter bei Tanztheater International: Um 20 Uhr zeigen Lisbeth Gruwez und ihre Gruppe Voetvolk heute Abend im Ballhof 2 „It’s going to get worse and worse and worse, my friend“. Am Dienstag zeigt die Compagnie Sébastien Ramirez im Ballhof 1 „Monchichi“.

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