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Kultur Jussi Adler-Olsen erobert die Bestsellerlisten
Nachrichten Kultur Jussi Adler-Olsen erobert die Bestsellerlisten
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09:47 27.10.2010
Von Heinrich Thies
Krimiautor Jussi Adler-Olsen. Quelle: Handout
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Erst spät kam der Autor zum Krimischreiben. In seinem früheren Leben dirigierte er die dänische Friedensbewegung, handelte mit Comics, verdingte sich als Verleger und Aufsichtsratsvorsitzender in Energieunternehmen. Sein Vater war Arzt in psychiatrischen Kliniken und ließ ihn gemeinsam mit kranken Seelen aufwachsen.

Diese Kindheitserfahrungen spiegeln sich in den Krimis wider. Wie bei den anderen skandinavischen Kollegen auch dreht sich alles um ziemlich kaputte Typen, nicht nur auf der Täterseite. Auch Adler-Olsens Kommissar Carl Mørck ist alles andere als ein strahlender Held. Seine Ehe ist in die Brüche gegangen, bei einer Schießerei im Dienst ist ein Kollege getötet und ein anderer zum Krüppel geschossen worden.

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Weil er danach nicht mehr so richtig tickte, haben ihn seine Vorgesetzten in den Keller des Polizeipräsidiums verbannt, wo er in einem Sonderdezernat „Q“ ungelöste Fälle knacken soll – gemeinsam mit dem Einwanderer Hafez el-Assad, der sich vom Putzmann zum Assistenten hochgearbeitet hat.

In einem der Fälle geht es um das Verschwinden einer dänischen Politikerin. Es scheint, dass die Dame von der Fähre gefallen und in der Ostsee ertrunken ist. Aber bald schon erfährt der Leser in eingeschobenen Rückblenden, dass sie entführt wurde und jahrelang in einem Verlies gefangen gehalten wird – von Leuten, die ebenso verrückt wie erbarmungslos sind. Es ist absehbar, dass die Entführer ihr Opfer zu Tode foltern. Mørcks Ermittlungen werden daher zum Wettlauf gegen die Zeit.

Dieser Plot macht die Stärke des Thrillers aus. Eine Schwäche liegt darin, dass Adler-Olsen seine Leser auf zu viele Nebengleise führt und manche Figuren schablonenhaft bleiben. Doch der Sog der Haupthandlung ist so groß, dass man den Krimi trotzdem zu Ende liest.

Das gilt ebenso für Adler-Olsens zweiten Titel: Auch in „Schändung“ blickt der Kommissar in die Abgründe der feinen Gesellschaft. Im Zentrum stehen Geschäftsleute, die sich seit ihrer Schulzeit im Eliteinternat kennen und durch eine Neigung zu Sex- und Gewaltexzessen verbunden sind. Sie schlugen und quälten wildfremde Menschen, töteten ein Geschwisterpaar in einem Sommerhaus und meinten, sich von jeder Schuld und Verantwortung freikaufen zu können. Viele Jahre später folgt Mørck ihrer blutigen Spur – im Wettlauf mit einer durchgeknallten Frau, die einst selbst zu der brutalen Truppe gehörte.

Wie in „Erbarmen“ machen auch hier Verletzungen der Seele aus Menschen Monstren. Das ist alles überzeichnet, extrem brutal und vermittelt ein Weltbild, in dem es von Mördern nur so wimmelt. Doch spannend sind diese Krimis.

Jussi Adler-Olsens „Erbarmen“ und „Schändung“ sind bei dtv erschienen und übersetzt von Hannes Thiess.

Die hannoversche Lesung des Autors am 1. November bei Schmorl & von Seefeld ist ausverkauft.