Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Justus Frantz dirigiert die Philharmonie der Nationen
Nachrichten Kultur Justus Frantz dirigiert die Philharmonie der Nationen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:08 11.01.2018
Immer schön lächeln: Justus Frantz und Philharmonie der Nationen. Quelle: Philipp von Ditfurth
Anzeige
Hannover

 Noch während er den letzten Ton in den Flügel hämmert, springt Denis Matsuev vom Klavierhocker auf und steht in dem Moment, bevor der Beifall über ihn hereinbricht, so kerzengerade und erstarrt vor seinem Instrument wie Mario Balotelli nach seinen Toren gegen Deutschland. Der Pianist ist am Ziel eines furiosen Sprints durch Sergei Prokofjews zweites Klavierkonzert. Mit weit ausholenden Armen ist der Russe, der seit seinem Sieg beim Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb vor zwanzig Jahren zu den populärsten Tastenlöwen seines Landes gehört, durch die Tonflut gekrault, hat Tonnen von Akkorden gestemmt und dabei eine immer gewaltiger sich auftürmende Schallwelle vor sich hergeschoben, die einschüchtern kann, auch wenn man sie vom sicheren Ufer der Zuschauerstühle im hannoverschen Kuppelsaal aus betrachet. 

Dirigent Justus Frantz und Pianist Denis Matsuev bei ihrem Auftritt in Hannover.

Matsuev spitzt die grelle Sportivität dieser muskelbepackten Musik mit kaum fassbar großer Energie zu. Um jede Kurve fährt er mit quietschenden Reifen, er gibt immer Vollgas. Das ist nicht einfach eine Aufführung – es ist ein Ereignis, das über die Zuhörer hereinbricht. Dazu passt die Zugabe: eine wilde Bearbeitung von Griegs Peer-Gynt-Kapitel „In der Halle des Bergkönigs“.

Anzeige

Kein Wunder, dass ein Orchester gegen einen solchen Solisten blass und kraftlos erscheinen kann: Die Philharmonie der Nationen vermag sich dem entschiedenen Zugriff Matsuevs nicht anzuschließen, unter der Leitung von Justus Frantz begleitet sie etwas zu unauffällig.

Dass der 73-jährige ehemalige Pianist, Fernsehmoderator und Festivalgründer Frantz nicht gerade als Orchesterleiter seine größte Qualitäten hat, war dann auch bei Musik von Johann Strauß zu erleben, die dem Abend den Charakter eines klassischen Neujahrskonzertes gab. Frantz hat zwar sogar Probleme, das Klatschen des Publikums beim zugegebenen „Radetzky-Marsch“ in geordnete Bahnen zu lenken, das mit guten jungen Musikern besetzte Orchester kommt aber auch ohne klare Impulse des Dirigenten zurecht. Natürlich fehlt es den Walzern, Polkas, Märschen und erst recht der „Fledermaus“-Ouvertüre auf diese Weise etwas an Raffinesse –  doch die charmanten Plaudereien, mit denen Frantz die Stücke ankündigt, lassen darüber hinweghören.  Und wirkungsvoll ist die Musik des Hit-Fabrikanten Johann Strauß ohnehin in jeder Form: begeisterter Applaus im recht gut gefüllten Saal.

Von Stefan Arndt

Anzeige