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Kultur Kandinsky-Blatt in Hannover beschlagnahmt?
Nachrichten Kultur Kandinsky-Blatt in Hannover beschlagnahmt?
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19:58 29.11.2011
Schwarz attackiert bunt: Das Aquarell „Zwei schwarze Flecke“ von Wassily Kandinsky aus dem Jahr 1923. Quelle: Lempertz
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Es ist das Spitzenlos der kurz bevorstehenden Auktion für moderne und zeitgenössische Kunst im Kölner Auktionshaus Lempertz: Wassily Kandinskys 1923 entstandenes Aquarell „Zwei schwarze Flecke“ auf chamoisfarbenem Papier. Am 2. Dezember wird das kostbare Blatt aus der Hochphase von Kandinskys Bauhaus-Zeit als Los 233 aufgerufen. Sein Wert wird auf rund eine Million Euro geschätzt. Der Verkauf des schwarze und farbige Elemente im Widerstreit zeigenden Bildes ist allerdings umstritten.

Die Erben von El Lissitzky und seiner Frau Sophie Küppers erheben seit Längerem Besitzansprüche auf das Blatt. Sophie Küppers war die Frau des Gründungsdirektors der Kestnergesellschaft Hannover, Paul Erich Küppers. Nach dessen frühem Tod heiratete sie den russischen Konstruktivisten El Lissitzky. 1926 folgte die zur Kommunistin gewordene frühere Society-Lady ihrem Mann nach Russland. Zuvor gab sie ein Konvolut von 16 Kunstwerken in die Obhut ihres Freundes Alexander Dorner, seinerzeit Leiter der Gemäldegalerie des Provinzialmuseums Hannover.

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Nach Ansicht ihrer Nachfahren, dem inzwischen 81-jährigen Sohn Jen Lissitzky, der im spanischen Andalusien lebt, sowie weiterer Nachkommen war das Blatt „Zwei schwarze Flecke“ unter den avantgardistischen Kunstwerken aus Sophie Küppers’ Besitz, die von den Nationalsozialisten 1937 im Provinzialmuseum Hannover als „entartete Kunst“ beschlagnahmt wurden. Die Erbengemeinschaft, die schon bei Kandinskys „Improvisation Nr. 10“ erfolgreich war – die Schweizer Fondation Beyeler soll 2002 bei einem Vergleich einen zweistelligen Millionenbetrag ausgezahlt haben – verlangt nun die Restitution.

Nach Darstellung der Erbengemeinschaft wurde das Werk nach der Beschlagnahmung in der Fehme-Schau „Entartete Kunst“ gezeigt und soll dann über den Kunsthändler Karl Buchholz in die USA gelangt sein. Bei Lempertz, wo das Blatt 1989 schon einmal versteigert worden war, sieht man das anders. „Das Aquarell hat Deutschland nie verlassen“, erklärte der Justiziar des Auktionshauses, Karl-Sax Feddersen, gegenüber dieser Zeitung. Sophie Küppers habe es „wahrscheinlich aus Dankbarkeit“ der Betreuerin ihrer beiden Söhne aus erster Ehe „geschenkt“. Die in finanzielle Not geratene Kunsthistorikerin hatte die Söhne vorübergehend in einem thüringisches Erziehungsheim untergebracht.

Wie häufig bei Kunstwerken, die in den Wirren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Hand zu Hand gingen, ist es auch im Fall von „Zwei schwarze Flecke“ schwierig, Vorgänge zweifelsfrei zu rekonstruieren. Das Auktionshaus gibt an, anhand von Briefen und Testamenten „lückenlos belegen“ zu können, dass das Bild von den zwanziger bis in die achtziger Jahre im Besitz der Heimleiterin Lotte Beck und später ihrer Erben war. „Frau Beck hat das Bild bestimmt nicht im Museum in Hannover geklaut“, sagt Feddersen.

Der Leipziger Erbenanwalt Christoph von Berg stützt sich auf Beschlagnahmelisten und Inventarbücher des Landesmuseums Hannover. Dort ist eine farbige Lithografie verzeichnet, eine „Komposition“ von 1923. Sophie Küppers habe häufig vage Bildangaben gemacht, sagte von Berg gegenüber dieser Zeitung. Die „Improvisation Nr. 10“ habe sie beispielsweise als „großes abstraktes Ölgemälde“ tituliert.

Aus dem Landesmuseum hieß es, seit 1989 hätten verschiedene Personen im Auftrag der Erben von Sophie Küppers-Lissitzky Listen durchgesehen. Bei dem 1937 beschlagnahmten Lissitzky-Werk habe es sich um eine farbige Lithografie mit den Maßen 48,0 mal 44,5 Zentimeter gehandelt. Das aktuell bei Lempertz angebotene Aquarell hat die Maße 47,8 mal 32,7 Zentimeter.

Entweder hat man seinerzeit falsch gemessen und ein Aquarell mit einer Druckgrafik verwechselt, oder es handelt sich um zwei verschiedene Werke. Dann wäre die Rückgabeforderung nicht berechtigt.

Die Abendauktion findet am 2. Dezember bei Lempertz in Köln statt.

Johanna di Blasi

29.11.2011
29.11.2011
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