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Kultur Karasek: Grass-Gedicht "schwachsinnig"
Nachrichten Kultur Karasek: Grass-Gedicht "schwachsinnig"
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06:16 15.04.2012
Hellmuth Karasek erzählt gern Witze. „Bring es auf den Punkt“, heißt seine Devise.
Hellmuth Karasek erzählt gern Witze. „Bring es auf den Punkt“, heißt seine Devise. Quelle: dpa
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Seelze

Von Tolstoi bis zu Goethe: In großer Literatur kennt sich Hellmuth Karasek (78) bestens aus. Er liest am Dienstag, 17. April, ab 19.30 Uhr im Forum des Seelzer Schulzentrums. Der Autor hat sich für diesen Abend allerdings eine Erzählform ausgesucht, die fernab der klassischen Dramen liegt: den Witz. Leine-Zeitung-Mitarbeiter Gerrit Pfennig sprach mit ihm über seine Leidenschaft für zündende Pointen.

Herr Karasek, Sie besuchen am Dienstag eine Stadt, die wenig zu lachen hat. Seit Jahren steigt ihre Verschuldung dramatisch an, und die Politik verliert mehr und mehr ihre Handlungsfähigkeit. Was haben Sie diesen Seelzern zu sagen?

Ich habe meinem Publikum zu sagen, dass das Lachen am besten da gedeiht, wo es nötig ist. Von Mark Twain ist der Satz überliefert: „Im Himmel wird nicht gelacht.“ Wir leben aber auf der Erde, und hier unten ist das Lachen dringend nötig. Die Redensart „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“ habe ich bewusst gewählt. Auf das „trotzdem“ kommt es dabei an.

Der Witz wirkt demnach entspannend auf die Beteiligten?

Ja, er versucht, sich in allen Zwangslagen Bahn zu brechen, in denen Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen. Ich erinnere mich zum Beispiel an die Enthüllung eines Stalin-Bildnisses in der DDR. Ein Junge musste niesen und alle Jugendlichen lachten. Peinlich berührt führten die Lehrer ihre Schüler daraufhin in die Klassen zurück. Die Situationskomik hatte für eine Entspannung gesorgt, die ihnen nicht angemessen erschien.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie in der Schulzeit damals gern die Rolle des Klassenclowns übernommen haben, um die fehlende Muskelkraft auszugleichen. Wie wichtig sind Ihnen Witze?

Ich habe sie immer schon gern gehört und erzählt. Ich bin schließlich auch in traurigen Zeiten mit zwei Diktaturen groß geworden. Was bleibt einem da anderes übrig, als zu lachen? Witze schaffen eine wirkliche Erleichterung. Beim Erzählen der Witze muss man allerdings Regeln beachten.

Welche sind das?

Es gilt die Redensart: Bring’ es auf den Punkt. Man sollte einen Witz nicht zerstören. So gibt es Pointen, die sich besser entfalten, wenn sie nur im Kopf wirken. Ich selbst erzähle Witze am liebsten in einem großen Saal vor vielen Besuchern. Das kann bei einer zündenden Pointe ein Glücksgefühl für beide Seiten sein.

Darf man sich Hellmuth Karasek so bei seinen Lesungen vorstellen? Sitzen Sie auf der Bühne und erzählen einen Kalauer nach dem nächsten?

Die Lesungen sind ganz anders als üblich. Das fängt schon bei der Beleuchtung an. Sie ist im Saal genauso hell wie auf der Bühne. Das ist wichtig, damit ich die Mimik meiner Zuhörer erkennen kann und sehe, ob eine Pointe auch ankommt. Zwar bringe ich mein Buch als Gedankenstütze mit, lese daraus aber nicht vor. Man muss Witze einfach erzählen, damit sie wirken können.

Und wie nimmt das Publikum dieses Konzept auf?

Ich habe in den rund 20 Lesungen keine schlechten Erfahrungen gemacht. Die Stimmung ist, das liegt in der Natur der Sache, fröhlicher als bei meinen sonstigen Lesungen. Ich versuche, den psychologischen Hintergrund der Witze zu erläutern und damit auch die Lust am Lachen zu wecken.

Dabei gelten wir Deutsche nicht gerade als ein Volk von großen Komödianten und Witzeerzählern...

Das mag am Wetter liegen. In Deutschland lacht ja meistens nicht einmal die Sonne.

Meinen Sie, dass man die Selbstironie lernen kann?

Wenn man sich so etwas vornimmt, wird es nichts. Zwar kann es die Geschichte lehren, wie es auch die Juden gelernt haben. Bewusst geht das jedoch nicht.

Für humorvolle Einlagen waren Sie auch aus dem Literarischen Quartett bekannt. Würden Sie sagen, dass Sie zur Selbstironie fähig sind?

Das ist schwer zu sagen. Ich selbst sehe mich dabei ja nicht wie in einem Spiegel. Wie oft hat man schon die Größe zu wirklicher Selbstironie? Sehr selten.

Sie widmen in ihrem Buch ein ganzes Kapitel den jüdischen Witzen. Können Sie den besonderen Humor dieser Späße beschreiben?

Jüdische Witze sind besonders von der Selbstironie geprägt. Viele von ihnen bestehen nur aus einer Frage und einer Gegenfrage, die dann letztlich zu einer Pointe führt.

Kürzlich hat der deutsche Autor und Nobelpreisträger Günter Grass den israelischen Staat mit seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ stark angegriffen. Fehlt uns Deutschen bei dieser Debatte der nötige Humor?

Mag sein. Abgesehen davon ist das närrische Gedicht unsinnig und zu schwach geschrieben. Ich habe mir kürzlich deshalb auch gedacht: Was wäre passiert, wenn Grass direkt nach dem Zweiten Weltkrieg bekannt hätte, dass er in der Waffen-SS gewesen ist? Er hätte wahrscheinlich niemals den Nobelpreis bekommen, und jetzt hätte niemand ein so schwachsinniges Gedicht abgedruckt.

In dem Gedicht erwähnt der Autor, dass er seine Zeilen „mit letzter Tinte“ schreibe. Insofern dürften wir von Grass in Zukunft wohl keine Gedichte dieser Art mehr erwarten, oder?

Wenn es wirklich die letzte Tinte war, muss er wohl in Zukunft mit Bleistift oder Kreide weiterschreiben (lacht). Vielleicht sollte er auch die Kreide gleich essen...

Herr Karasek, jetzt haben wir so lange über Humor und alles, was mit ihm zusammenhängt, gesprochen. Haben Sie noch einen Witz für unsere Leser?

Ein Mann kommt mit einem Frosch auf dem Kopf zum Arzt. Sagt der Arzt: „Was haben Sie denn da gemacht?“ Sagt der Frosch: „Den hab’ ich mir eingetreten.“

ZUR PERSON:

Hellmuth Karasek wurde 1934 im tschechischen Mähren geboren und hat sein Leben vor allem der Kultur verschrieben. Nach dem Studium der Germanistik, Geschichtswissenschaften und Anglistik mit anschließender Promotion begann er seine Karriere bei der Stuttgarter Zeitung. Auf eine Anstellung als Chefdramaturg am Württembergischen Staatstheater Stuttgart folgten mehrere Jahre als Theaterkritiker bei der Wochenzeitung „Die Zeit“. 1974 übernahm Karasek das Kulturressort des Magazins „Der Spiegel“, das er 22 Jahre lang leitete. In dieser Zeit machte er sich deutschlandweit als Theater- und Filmkritiker einen Namen. Einem größeren Publikum wurde er zudem durch die Fernsehsendung „Das literarische Quartett“ bekannt, in der er bis 2001 mit dem Kritiker Marcel Reich-Ranicki über Literatur diskutierte. Karasek hat eine Reihe von Büchern veröffentlicht. Im Oktober 2011 erschien „Soll das ein Witz sein? Humor ist, wenn man trotzdem lacht“ (Quadriga, 16,99 Euro), das der Autor in Seelze vorstellt. Rund ein Dutzend Karten sind noch in der Stadtbibliothek und im Schreibwarengeschäft Petri & Waller erhältlich.