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Kultur Karen Duve: "Anständig essen"
Nachrichten Kultur Karen Duve: "Anständig essen"
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14:08 03.01.2011
Von Marina Kormbaki
Karen Duve: „Anständig essen“. Galiani Berlin, 335 Seiten, 19,95 Euro.
Karen Duve: „Anständig essen“. Galiani Berlin, 335 Seiten, 19,95 Euro. Quelle: HAZ-Bild
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Viel Gelegenheit für Fehlverhalten gab es im neuen Jahr noch nicht, drei Tage sind eine kurze Zeit. Und doch genug, damit so mancher reicher ist um die Einsicht: Gute Vorsätze halten sich wohl länger, wenn sie schriftlich formuliert sind. Motivationspsychologen schwören auf die Macht von Stift und Papier. Fortan können sie auf die Schriftstellerin Karen Duve als Positivbeispiel verweisen.

Vor etwas mehr als einem Jahr fasste Duve den Entschluss, sich ein Jahr lang ethisch korrekt zu ernähren. Um die Verbindlichkeit ihres Vorsatzes zu steigern, schrieb Duve ein Buch über ihren Selbstversuch: „Anständig essen“ erscheint heute. Es ist eine fakten- und pointenreiche Dokumentation bewussten Ernährens und seiner Folgen – seien es nun die Folgen für die Massentierhaltung, für den persönlichen Cholesterinspiegel oder jene für die Stimmung auf Familienfeiern.

Bisher hatte Duve viel übrig für lavierende Charaktere. Ihre Erfolgsbücher „Regenroman“ und „Taxi“ erzählen die Geschichten passiver Antihelden. Woran es Figuren wie dem hilflosen Schriftsteller Leon und der orientierungslosen Taxifahrerin Alex fehlt, das ist der Wille zur Entscheidung, zur Tat aus Überzeugung. Im Gegensatz zur Protagonistin in „Anständig essen“: Duve selbst spielt hier die Hauptrolle, aus Überzeugung. Eigentlich sind es mehrere Überzeugungen, die Duve über ein Jahr stufenweise erprobt: von ausschließlich Bio über Vegetarisch und Vegan hin zum Frutariertum, dessen wenige Anhänger sich ausschließlich von dem ernähren, was Pflanzen hergeben, ohne dass sie dabei zerstört werden.

Das Jahr, in dem Duve Grünkernburger und vegane Cola für sich entdeckt, ist das Jahr, in dem hitziger denn je über richtige Ernährung debattiert wird. Zu den meistbeachteten Büchern des Jahres zählt Jonathan Safran Foers „Tiere essen“ – ein biografisch gefärbtes Sachbuch über industrielle Massentierhaltung, ein Vorläufer von Duves „Anständig essen“. Wenig später wartet die ARD mit der Themenwoche „Essen ist Leben“ auf, nicht ohne volkspädagogischen Eifer. Und es ist das Jahr, in dem einer Landwirtschaftsministerin ihre Nähe zu Betrieben der Massentierhaltung zum Verhängnis wird.

„Ist ein Landwirtschaftsminister, der gegen Massentierhaltung ist, eigentlich denkbar?“ Diese Frage stellt Duve ihrem Schwager, ebenfalls Landwirtschaftsminister, auf einem Familientreffen, von dem sie in ihrem Buch berichtet. Der Landwirtschaftsminister antwortet: „Das kommt darauf an, was du unter Massentierhaltung verstehst.“ Aber mit Relativierungen will sich die 49-Jährige nicht mehr zufriedengeben. Ausflucht und Verdrängung begegnet sie mit Haltung, wird Vegetarierin, Veganerin, Frutarierin.

Die Reihung von Haltungen, ihre terminierte Abfolge, wirft die Frage nach der Glaubwürdigkeit auf. Hiervon ein Happen und davon noch einen – beim Suchen der richtigen Lebenseinstellung kann es doch nicht zugehen wie beim Probeessen für ein Hochzeitsmenü! Der Vorwurf der Beliebigkeit drängt sich auf. Aber er lenkt ab vom Eigentlichen. Kein Fisch, kein Fleisch – Duve geht es nicht um das strikte Befolgen eines Dogmas. Im Mittelpunkt steht die Frage nach unserem Verhältnis zu Tieren. Wie die meisten Menschen ist auch Duve Tierfreund: Mit Hund, Katzen, Hühnern, Pferden und einem Maulesel lebt sie auf einem Hof in Brandenburg. Mehrere Tausend Euro wendet sie für Operationen und Chemotherapien ihrer krebskranken Bulldogge „Bulli“ auf. Und wenn sie vom Tierarzt betrübt nach Hause kommt, holt sie die Packung „Hähnchen-Grillpfanne“ aus der Tiefkühltruhe, für 2,99 Euro im Supermarkt gekauft. Ohne groß darüber nachzudenken. In eben dieser Gedankenlosigkeit aber steckt Grausamkeit, so Duve. Die Bewusstwerdung dieser Grausamkeit, darum geht es ihr.

Sie recherchiert über das Dasein als Masthuhn, erfährt, dass ihm in Kleingruppenhaltung 800 Quadratzentimeter zustehen, was einem DIN-A4-Blatt plus Postkarte entspricht. Dass für jede der 40 Millionen Legehennen, die jährlich in Deutschland ausgebrütet werden, ein männliches und deswegen unbrauchbares Küken vergast oder lebend gehäckselt wird. Dass es sich bei Hähnchen um „geflügelte Monster mit orthopädischen Problemen“ handelt, die täglich 6,5 Prozent ihres Eigengewichts zunehmen. Und dass es Hühnern in Biohaltung nicht viel besser geht. Auch ihnen werden ohne Betäubung die Schnäbel verstümmelt, auch diese Hühner zerrupfen sich dennoch gegenseitig. Darüber staunt Duve, als sie Tierschützer nachts bei Befreiungsaktionen begleitet.

Die Konsequenz aus diesem Wissen ist für Duve die Pflicht zum Verzicht auf das Fleisch des Huhns und auch auf dessen Eier, Federn und wozu es sonst noch verwertet wird. Bloß vegetarisch leben erscheint ihr nicht schlüssig: Unanständig ist nicht nur das Töten von Hühnern, Rindern, Schweinen. Unanständig ist auch die Art, wie sie gehalten werden und dabei Eier legen, Milch geben oder später zu Seife verarbeitet werden. Weil es der Mensch mit einiger Intelligenz ans Ende der Nahrungskette geschafft hat, habe er nicht das Recht, andere Tiere auszubeuten, sondern die Pflicht, sie zu achten.

So ein pflichtbewusstes Leben kann anstrengend sein, für alle Beteiligten. Auf Grillpartys zum Beispiel, wenn Duve ihren Exfreund über die brutale Biografie der Steaks auf dem Rost belehrt. Oder in emotionalen Qualfleisch-Disputen mit ihrer überkorrekten Mitbewohnerin, an der Duve im Laufe des Jahres auf der moralischen Überholspur vorbeizieht.

Der größte Konflikt im Leben eines Menschen, der auf eine ethisch und ökologisch bewusste Lebensführung bedacht ist, tut sich jedoch nicht in Rechtfertigungsgesprächen auf. Auch nicht im Widerstehen der Versuchung, Fleisch zu essen. Zumal die aktuellen Vegetarismusdebatte in der Annahme gründet, eine Ernährung ohne tierische Produkte sei eine Form von Luxus, ein Privileg, wie es nur Menschen in Wohlstandsgesellschaften vorbehalten ist. Der schärfste Konflikt ist ein innerer: Die Einsicht, dass eine komplett gewaltfreie Lebensweise unmöglich ist, kann einen Veganer zur Verzweiflung treiben. Eines heißen Sommertages, Duve ist gerade in der veganen Phase, kann sie nicht tatenlos zusehen, wie sich Pferdebremsen und Dasselfliegen ins Fell ihres geliebten Pferdes graben – sie zerdrückt die Insekten. „Und später stehe ich im Supermarkt und kann keine Haribo-Lakritzschnecken kaufen, weil die einzelnen Teile mit Bienenwachs überzogen sind“, merkt sie sarkastisch an.

Daraus folgt aber kein Kapitulieren vor den eigenen Ansprüchen, sondern Pragmatismus: „Ich werde nicht konsequent sein, aber achtsam.“ Es geht nicht um Fleisch oder nicht Fleisch. „Unsere Wahl besteht nicht darin, ob wir entweder unser Leben komplett ändern oder überhaupt nicht“, sagt Jonathan Safran Foer. Die Wahl kann auch eine graduelle sein: weniger Fleisch.

Der gemäßigte, bewusste Konsum tierischer Produkte ist nicht nur ein Anliegen des mündigen Bürgers, der angesichts qualvoller Missstände in der Massentierhaltung nicht bloß über Politiker und Unternehmer schimpft, sondern die eigene Verantwortung erkennt. Er berührt auch das Selbstverständnis als mitfühlender Mensch: Duve, die nun nahezu vegan lebt, schreibt: „Vielleicht ist gerade das Leid, das ich selbst verursache, das einzige, das zu verhindern ich jemals imstande sein werde.“ Dafür muss man auch gar nicht so viel tun. Man muss nur einiges lassen.

Karen Duve: „Anständig essen“. Galiani Berlin, 335 Seiten, 19,95 Euro.

03.01.2011
Heinrich Thies 03.01.2011