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Kultur Karen Duve präsentiert ihr neues Buch „Grrrimm“
Nachrichten Kultur Karen Duve präsentiert ihr neues Buch „Grrrimm“
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08:16 19.10.2012
Von Jutta Rinas
Foto: Hat ein Faible für böse Zwerge: Karen Duve im Literaturhaus.
Hat ein Faible für böse Zwerge: Karen Duve im Literaturhaus. Quelle: Insa Cathérine Hagemann
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Hannover

Die Schriftstellerin Karen Duve ist dafür bekannt, dass sie ihre Romanfiguren nicht gerade mit Samthandschuhen anfasst. Leon, der Protagonist ihres Debüts „Regenroman“ beispielsweise, eine ziemlich armselige Schriftstellerexistenz, versinkt nach schlimmen Schicksalsschlägen als degeneriertes Etwas im Moor. Anne aus „Dies ist kein Liebeslied“ träumt von der großen Liebe und misshandelt dafür den eigenen Körper. Weil sie sich wie ein fetter Troll fühlt, hungert, frisst und kotzt sie sich durchs Leben. Selbst Prinz Diego aus Duves Ritterroman „Die entführte Prinzessin“ ist nicht so edelmütig, wie man es sich bei einem Prinzen vorstellen könnte. Seine Leidenschaft für fleischloses Essen hat nur damit zu tun, dass er die von seiner Mutter geliebten Pflanzen vernichten will.

Kein Wunder also, dass Duve auch die Figuren in den fünf Märchenadaptionen ihres neuen Buches „Grrrimm“ (Galiani Berlin Verlag, 18,99 Euro) einer schonungslosen und zugleich wunderbar boshaften Desillusionierung unterzieht. Mitleidslos konfrontiert sie die Froschbraut, deren Prinz sich als Polizist entpuppt, oder das Rotkäppchen, das wegen seiner merkwürdigen roten Kappe ständig gehänselt wird, mit der Brutalität des heutigen Lebens.

Ihr prosaischer Blick auf die grimmschen Märchen wird bei ihrer Lesung im hannoverschen Literaturhaus zum Auftakt der Reihe „Der Norden liest ...“ schon zu Beginn deutlich. „Welche Figur aus Grimms Märchen wären Sie gern?“, fragt Moderatorin Julia Westlake. „Der Froschkönig, der hat so ein hübsches, grünes Outfit“, antwortet Duve. „Außerdem kann er tief tauchen und wird am Ende erlöst.“ Ob das Aschenputtel, das Ballkleider trage und am Ende auch erlöst werde, nicht die bessere Wahl sei, fragt Westlake. „Nein, da muss man ja ganz viel putzen“, antwortet Duve trocken. Das werde im Märchen nur kurz angerissen, sei bei Aschenputtel aber viele Jahre lang so.

Pragmatisch klingt das, nüchtern und zugleich ungewohnt, frisch. Ein Effekt, den man auch von Duves populärstem Buch „Anständig essen“ kennt, in dem sie unsere Essgewohnheiten im Selbstversuch hinterfragt. In „Grrrimm“ versuche sie, Fragen nachzuspüren, die in Märchen immer offen blieben, erzählt Duve im voll besetzten Literaturhaus. Dass in „Schneewittchen“ die Stiefmutter eitel und böse und Schneewittchen ziemlich leichtgläubig sei, weil es sich dreimal reinlegen lasse, wisse man schon. Aber die Zwerge? Wie könne man sich die vorstellen? Die Ringelreih’n tanzenden Gestalten mit den pastellfarbenen Häschen aus den Walt-Disney-Filmen könnten es ja wohl nicht sein ...

Nach Duves Lesung aus „Zwergen-idyll“ weiß man: Bei ihr ist mit den kleinen Bergarbeitergesellen nicht zu spaßen. Vor allem nicht mit Nag, dem ruppigen Icherzähler, dessen Namen Duve erfunden hat. Nag bezweifelt schon bei der ersten Begegnung mit Schneewittchen, dass sie eine Prinzessin ist. Der Zwerg entpuppt sich schnell als gewaltbereiter Macho. Beim ersten Versuch, sich dem Schneewittchen unsittlich zu nähern, erstickt er es fast, als er ihm das geöffnete Mieder viel zu fest wieder zuschnürt, weil sie sich wehrt. Beim zweiten Versuch kommt es fast zu einer Vergewaltigung. Eine von Duves rätselhaften Pointen ist es aber, dass Schneewittchen ihren Peiniger vor den anderen Zwergen schützt - und ihnen eine Geschichte von ihrer Stiefmutter auftischt, die sie immer wieder zu ermorden versuche.

Vollends abgedreht wird es, als Duve den letzten Satz aller Märchen „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute ...“ mit neuem Leben erfüllt. Der Prinz, der Schneewittchen in ihrem Glassarg findet und mit nach Hause nimmt, lässt sich nämlich nach einem Jahr scheiden. Schneewittchen fängt eine Affäre mit dem Bruder des Prinzen, dann eine mit dem Oberstallmeister an und wird von Mann zu Mann immer weitergereicht. „Schneeflittchen also“, sagt Julia Westlake dazu.

Duve betont mit spürbarer Lust an der Übertreibung noch einmal, dass ihr das Verharmlosende an Walt Disneys Märchenadaptionen auf die Nerven gehe. Der verwilderte Wald sei ihr „natürlicher Lebensraum“. Sie liebe es, Abkürzungen zu nehmen, immer weiter in den Wald zu geraten, an düstere Stellen, wo die Ringelnattern gefährlich von den Ästen hingen, sagt die 51-Jährige, die mit Hühnern, Katzen und einem Pferd auf einem Hof im brandenburgischen Ringenwalde lebt. Es ist überdeutlich: Für „Abgründiges“ - das Thema der diesjährigen Ausgabe von „Der Norden liest ...“ - hätte man kaum jemand Besseren als Karen Duve finden können.

Wilhelm Grimm werde, so kündigt die Schriftstellerin zum Schluss an, auch in ihrem nächsten Roman eine Rolle spielen. Wenn Menschen besonders gequält würden, müsse immer einer dabei bleiben, der den Überblick behalte, sagt sie trocken. Man darf gespannt sein, wie abgrundtief böse der Bösewicht dort ist.

Am 23. Dezember ist Duve um 20.05 auf NDR Kultur zu hören.

18.10.2012
Uwe Janssen 18.10.2012
18.10.2012