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Nachrichten Kultur Berliner Philharmoniker finden keinen Chef
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23:19 11.05.2015
Von Jutta Rinas
Intendant Martin Hoffmann (v.l.), Medienvorstand Stanley Dodds, die Orchestersprecher der Berliner Philharmoniker, Peter Riegelbauer und Ulrich Knörzer und Medienvorstand Olaf Maninger verkünden nach einer elfstündigen Sitzung der Orchesterversammlung, dass sich die Musiker der Berliner Philharmoniker auf keinen neuen Chefdirigenten einigen konnten. Quelle: dpa
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Berlin

Das gab es vermutlich noch nie: Nach einer fast zehnstündigen Wahl haben die Berliner Philharmoniker ihre Abstimmung über ihren neuen Chefdirigenten gestern Abend gegen 22 Uhr abgebrochen: „Die heutige Wahl des Nachfolgers von Sir Simon Rattle ist ohne Ergebnis geblieben“, hieß es dazu trocken von Seiten der Pressestelle. Vorangegangen war dem Ganzen ein Wahlmarathon, der seinesgleichen suchte. Die Berliner Philharmoniker hatten sich für die Abstimmung bereits gestern Morgen um 10 Uhr in die Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem zurückgezogen. Das ist für sie ein symbolträchtiger Ort: Das Orchester hat dort bereits viele wichtige Aufnahmen produziert.

Der Wahlort sollte eigentlich geheimbleiben, damit während der Wahl keine Informationen nach draußen dringen, sickerte dann aber doch durch. Die Musiker mussten aus Gründen der Diskretion sogar ihre Handys abgeben. Eine Pressekonferenz zur Bekanntgabe des Ergebnisses wurde dann seit 14 Uhr immer wieder verschoben. Das sorgte in den sozialen Medien überall auf der Welt auch für Spott. Tweets wie „Am Ende wird es doch Ratzinger“ oder „Breaking News: Jürgen Klopp hat die Wahl dankend abgelehnt“, konnte man immer häufiger lesen.

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Die Wahl, seit Monaten die am heißesten diskutierte Personalie in der Orchesterwelt, war nötig geworden, nachdem Simon Rattle vor zwei Jahren verkündet hatte, dass er nach sechzehn Jahren an der Spitze der Berliner für eine weitere Amtszeit nicht zur Verfügung steht. Schon ab 2017 wird der 60-Jährige neben den Berlinern das London Symphony Orchestra leiten.

Im Sommer 2018 soll der neue Chefdirigent seine Arbeit in Berlin aufnehmen. Er wird damit leben müssen, dass sich für ihn – anders als für seine Vorgänger Simon Rattle und Claudio Abbado – einen ganzen Tag lang keine Mehrheit fand.

Der jetzige Chefdirigent, Sir Simon Rattle selbst, durfte gestern nicht mitbestimmen. Er probte – so hieß es – Wagners Rheingold an der Wiener Staatsoper. Auch der Intendant der Berliner Philharmoniker, Martin Hoffmann, war nicht stimmberechtigt: Das Wahlprozedere der Berliner ist ein basisdemokratisches Verfahren, das den Orchestermitgliedern außergewöhnlich viel Macht gibt – und weltweit einmalig ist.

Seit Monaten hatten Personalspekulationen die Stimmung im Klassikbetrieb angeheizt. Jedes Wort, das ein Favorit öffentlich äußerte, wurde sofort im Hinblick auf die Wahl gedeutet. Jede Vertragsverhandlung, ja teilweise jeder Auftritt eines Favoriten wurde öffentlich analysiert. Zu den fast schon grotesken Auswüchsen zählte der Versuch einer Berliner Tageszeitung, etwas in Andris Nelsons’ jüngsten Auftritt bei den Berliner Philharmonikern hineinzugeheimnissen. 19 Tage lägen zwischen dem Dirigat und dem Wahltag, 19 Tage hätten auch zwischen Simon Rattles letztem Auftritt und dessen Wahl gelegen. Beide hätten zudem als Werk Mahlers Fünfte gewählt. Das sei möglicherweise ein Zeichen, wurde geraunt. Nelsons, das wurde gestern in den Kommentaren der sozialen Medien deutlich, ist außerhalb der Berliner Philharmoniker offenbar eine Art Wunschkandidat vieler. Mehrere Male wurde sein Name als Ergebnis getwittert, offenbar waren es Fehlmeldungen.

Intendant Martin Hoffmann wurde im Vorfeld der Wahl in München bei einer Diskussion mit dem Chefdirigenten des Bayerischen Rundfunks, Mariss Jansons, gesichtet. Wurden hier doch heimlich Vorgespräche mit einem Dirigenten geführt? Der Orchestervorstand hatte ja öffentlich behauptet, dass man mit keinem Kandidaten vor der Wahl in Kontakt trete. Man riefe an, wenn er feststehe, hieß es stattdessen, – und erwarte ein sofortiges Ja.

Drei Tage vor der Wahl verkündete Jansons dann aber seine Vertragsverlängerung beim BR bis 2021 und nahm sich damit selbst vermutlich aus dem Rennen.

Das taten bemerkenswert viele Weltklassedirigenten: Wiederum Andris Nelsons behauptete öffentlich, er fühle sich zu jung für den Job, und dementierte später. Yannick Nezet-Seguin verlängerte wenige Wochen vor dem Berlin-Wahltag beim Philadelphia Orchestra bis 2021/22, hörte etwas später aber gleichzeitig als ständiger Chef des Philharmonischen Orchesters Rotterdam auf. Auch der südamerikanische Lockenschopf Gustavo Dudamel verlängerte seinen Dirigentenvertrag bei den Los Angeles Philharmonic erst kürzlich.

Ihn traf die aufgeheizte Stimmung vor der Wahl am Extremsten. Die Pianistin Gabriela Montero nutzte die öffentliche Aufmerksamkeit und beschuldigte den 34-jährigen der Kollaboration mit dem politischen System in Venezuela. Selbst Daniel Barenboim, dessen Faible für die Berliner bekannt ist, verkündete, er sei kein Kandidat. Nur Christian Thielemann, Chef der Sächsischen Staatskapelle Dresden, ließ verlauten, er könne sich den Job vorstellen.

Fürchteten sich die Topfavoriten plötzlich vor dem attraktivsten Job in der Orchesterrepublik? Simon Rattle wird ein Zitat zugeschrieben, das die Arbeit mit den Berlinern prägnant auf den Punkt bringt. Sie soll so sein, als habe man irren Sex mit jemandem, den man partout nicht leiden kann. Zur Lust, mit den besten Musikern der Welt zu arbeiten, kommt ein ständiger Kampf mit selbstbewußten, streitbaren Künstlern, mit Widerständen, Eitelkeiten, Intrigantentum.

Dass diese Wahl ergebnislos abgebrochen wurde, spricht Bände, was diese schwierigen Seiten der Philharmoniker angeht.

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