Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Zurück in die Zukunft
Nachrichten Kultur Zurück in die Zukunft
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:24 27.12.2013
Von Daniel Alexander Schacht
Tattoos für je 150 Euro: Ulrichs’ „Bilder auf den Leib geschrieben“ stehen neben anderen Werken zum Verkauf. Quelle: Schacht
Anzeige
Hannover

„Augenhöhe“ steht da in Großbuchstaben zwischen einer schwarzen Waagerechten, die das Bild in der Mitte wie ein Balken zerschneidet. „Goldener Schnitt“ prangt auf einem Quadrat, das der traditionellen 4:3-Proportion der klassischen Malerei eben gerade nicht folgt. Oder „bitte nicht berühren!“ in denselben serifenfrei-sachlich-kalten Lettern.

Die drei Blätter gehören zum Werk „Vorsicht, Kunst!“ des Künstlers Timm Ulrichs, und sie bieten in ihrer konzeptionellen Klarheit einen Kontrapunkt zu den großflächigen Kunstinszenierungen, die in der Kestnergesellschaft gerade von Karla Black zu besichtigen sind – in der aktuellen Doppelausstellung mit Kitty Kraus. Das Werk des Künstlers zeugt von der Transparenz, Stringenz und sublimen Ironie, die Neodadaismus und Konzeptkunst vor bald einem halben Jahrhundert aufboten. Immerhin galt der in Hannover lebende Ulrichs damals als einer der wichtigsten deutschen Repräsentanten dieser Kunstströmungen.

Anzeige

Deren durchdachte Kühle ist „Vorsicht, Kunst!“ besonders deutlich abzulesen, wobei lesen hier teils im Wortsinn zu verstehen ist. Denn es handelt sich, passend zur Konzeptkunst, um eine Künstlermappe, die eine eigenwillige Mischung aus Werkkunst, Gebrauchsgrafik und Industrial Design und deren künstlerische Verfremdung bietet. Eine Mappe, in der man blättern, lesen und die man entziffern kann. Da schafft Augenhöhe keine Einsicht, ist die Kühle industriell gestalteter Lebenswelten alles andere als golden, wird Kunst, die berührt, mit Verbot belegt.

Gewiss, „Vorsicht, Kunst!“ ist ein ziemlich intellektuelles, teils auch nur akademisch anmutendes Abenteuer.  Das kommt dafür ganz ohne Glanz und Glitter aus. Dass die Kestnergesellschaft die Timm-Ulrichs-Mappe in ihrer „Halle 5“ der Kestnereditionen ausstellt, ist gerade jetzt eine wunderbare Ergänzung. Denn aus der aktuellen Doppelausstellung wird so ein schillerndes Terzett künstlerischer Positionen, das sich überdies als Beitrag zum Thema Kunst und Kommerz verstehen lässt. Immerhin sind Black und Kraus mit ihren Inszenierungen verfremdeter oder auch nur verzierter Readymades international gut im Geschäft. Aber ist Kommerz die Zukunft der Kunst?

Mit „Vorsicht, Kunst!“ blickt man zurück ins Jahr 1969, in dem Ulrichs die Mappe in der Kestnergesellschaft präsentiert hat, und damit in damalige Avantgarde-Visionen. Doch auch diese Zukunftsvision ist nicht nur längst schon wieder Vergangenheit, jedes Pathos der Avantgarde wird überdies durch den Zweck der Hängung zurückgenommen: Denn „Vorsicht, Kunst!“ hängt dort zum Verkauf, von der Künstlermappe mit 16 Motiven sind fünf komplett erhaltene für je 1500 Euro zu erwerben. Überdies sind dort aus der Reihe „Bilder auf den Leib geschrieben“, der Body Art von Timm Ulrichs, Arbeiten zu sehen und zu je 150 Euro zu kaufen. „Kunst ist schön, macht aber auch viel Arbeit“, wusste schon Karl Valentin. Und sie kann auch ganz schön fürs Geschäft sein.

Gleichviel: Mit diesem Konzert dreier Kunstpositionen von Ulrichs über Kraus zu Black hat Kestnergesellschaftsdirektor Veit Görner wie nebenbei noch ein Gesamtkunstwerk inszeniert. Respekt!

Stefanie Nickel 26.12.2013
Kultur Filmemacher Michael Haneke - „Zerstreuungskino ist langweilig“
25.12.2013