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Kultur Mutige Grenzgänge zwischen Kunst und Leben
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18:08 05.06.2013
Von Daniel Alexander Schacht
Foto: Die Künstlerin Linder Sterling, genannt Linder, vor einer ihrer Fotokollagen.
Die Künstlerin Linder Sterling, genannt Linder, vor einer ihrer Fotokollagen. Quelle: dpa
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Hannover

Auf dem Tisch tanzt eine Picassos „Drei Tänzerinnen“ nachempfundene Gruppe – und das vielleicht zur Musik von Amy Winehouse, die mit leerem Blick und vollem Glas dahintersitzt. Selten wird in so wenigen Strichen die Freude am Leben und dessen Gefährdung zugleich eingefangen wie in dieser Zeichnung. „Der Mut dieser Sängerin, die so viele Traditionen und Kulturen in sich vereinigt“, sagt Rachel Harrison dazu, „hat ebenso zu ihrer Karriere beigetragen wie zu ihrem Tod.“

Die Künstlerin fasst damit Stichworte in einen Satz, die auch die neue Ausstellung der Kestnergesellschaft kennzeichnen. Denn dabei geht es um den Mut zu Positionen, um Karrieren, die auf Grenzerfahrungen zwischen Kunst und Leben beruhen und um den Tod von alten Identitäten und überkommenen Rollenbildern. All das wird in einer transatlantischen Doppelausstellung geboten – mit der Präsentation von Werken Rachel Harrisons, die als eine der einflussreichsten Bildhauerinnen der USA gilt, und von Linder Sterling, die seit ihren Anfängen in der britischen Punk-Bewegung längst auch außerhalb Großbritanniens zur Kunstikone  geworden ist.

Ihre Ausstellung unter dem Titel „frau / objekt“ wird vom British Council in Berlin gefördert, der die Kestnergesellschaft für ihr deutsch-britisches Engagement lobt. „Wohl kaum ein anderer Kunstverein hat so viele britische Künstler in Deutschland bekannt gemacht“, sagte Elke Ritt, beim British Council für Kunst verantwortlich. „Kein anderer“, bestätigte Veit Görner, der Direktor der Kestnergesellschaft, und lobte seinerseits das Engagement des British Council und auch die Förderung der Rachel-Harrison-Ausstellung mit dem leicht bizarren englisch-deutschen Titel „fake titel“ durch die Sparkassenstiftung und die Sparkasse Hannover. 

Sie kombiniert Fotos aus Pornomagazinen mit Schnipseln aus Hausfrauenzeitschriften: Die Kestnergesellschaft zeigt von diesem Freitag an eine große Retrospektive der Punk-Ikone Linder Sterling.

Die 1966 in New York geborene Harrison ist vor allem für ihre Skulpturen bekannt. In der Goseriede wird deutlich, dass ihr Spektrum viel größer ist, dass sie raumgreifende Installationen ebenso zu bieten hat wie Videokunst, verfremdende Fotoserien oder eben jene Serie von Zeichnungen, die sich ein Jahr nach dem Tod von Amy Winehouse mit den Grenzerfahrungen der Sängerin und Songschreiberin auseinandersetzen. Und bei Linder Sterling, die 1954 in Liverpool als Linda Mulvey zur Welt gekommen ist und überhaupt nichts dagegen hat, wenn man ihren Künstlernamen auf „Linder“ verkürzt, verwundert es angesichts ihrer Popularität geradezu, dass sie in der Kestnergesellschaft tatsächlich zum ersten Mal in Deutschland mit einer umfassenden Werkschau und Retrospektive gewürdigt wird.

Ihr bekanntestes Werk ist bis heute das 1977 als „Orgasm Addict“, also Orgasmussucht“ bekannt gewordene Cover für die gleichnamige Single der Punk-Gruppe Buzzcock: ein Pin-Up-Torso, dessen Kopf durch ein Bügeleisen und dessen Brustwarzen durch zwei lächelnde Münder mit makellosen Zahnreihen ersetzt sind. „Das ist die Mona Lisa dieser Ausstellung“, sagt Kurator Heinrich Diez angesichts der Popularität dieser Collage, die Porno- und Warenästhetik miteinander verschränkt. Genau diese Strategie, mit der die Feministin Linder männliche Erwartungen und Rollenzuweisungen an Frauen kenntlich macht, ist in der Ausstellung in zahlreichen Collagen zu besichtigen. Oft kaschiert dabei eine Gurke, ein Kuchen oder eine Blüte zwar den Blick auf primäre Geschlechtsmerkmale. Trotzdem hat die Kestnergesellschaft an der Kasse ein Warnschild aufgestellt, das darauf hinweist, dass einige Werke Linders „als unangenehm empfunden“ werden könnten.

Dabei ist von Linder auch ganz Anderes zu sehen: überlebensgroße Montagen, aus Dessous gefertigte Karnevalsmasken oder auch eine Fotoserie, in der sie selbst zum Kunstgegenstand wird. „Es ist nicht das Ich, das den Narren sucht, sondern der Narr, der das Ich sucht“, heißt es da zu Fotografien, bei denen es eher um die Verschleierung von Identitäten als um deren Enthüllung geht. Außerdem sind mehrere Musikvideos zu sehen. Immerhin galt Linder  einst als „Muse“ des Punks, von Musikern wie Steven Patrick Morrissey oder eben Gruppen wie Buzzcock. Gezeigt wird auch jener Auftritt mit ihrer eigenen Band Ludus, bei dem sich die Vegetarierin Linder 1982 – Jahrzehnte vor Lady Gaga – in einem Kleid aus abgenagten Hähnchenknochen präsentiert, das sie während der Show ablegt, wobei darunter ein Riesendildo sichtbar wird.

Am deutlichsten erkennbar wird aber Linders ästhetische Strategie in ihrem Magazin „The Secret Public“. Dafür hat sie in den siebziger Jahren Zeitschriftenläden durchstreift, in denen damals noch Geschlechtertrennung herrschte – Sex und Autos für die Männerwelt, Mode und Haushalt sollte für die Frau reichen. Linder Sterlings „geheime Öffentlichkeit“ lag einfach darin, diese beiden Welten in ihren Collagen zu vereinen. Und so gelangt dann eben der Herd aufs Dekolleté oder die Torte auf den Venushügel.

Rachel Harrison „fake titel“ und Linder Sterling „frau / objekt“ bis 4. August in der Kestnergesellschaft, Goseriede 11. Eröffnung am Donnerstag um 19 Uhr in Anwesenheit der Künstlerinnen. Linder ist außerdem am 27. Juni um 19 Uhr zu einem Künstlergespräch mit Videopräsentation erneut in der Kestnergesellschaft.

Rachel Harrison verfolgt eine ganz andere Strategie, um die Dinge in Bewegung zu setzen. In ihren Skulpturen nimmt sie sich den Kultcharakter von Alltagsgegenständen ganz plakativ vor – etwa indem sie einen haushaltsüblichen Hoover-Staubsauger auf eines der für sie typischen, aus einer Hohlkörperkonstruktion, Stukkatur-Mörtel und Farbe gefertigten Podeste setzt – „All in the Familiy“ (2012) heißt dieses Werk, immerhin eine Leihgabe des New Yorker Guggenheim Museums. Aus demselben Material ist im selben Jahr „Valid like Salad“ entstanden, eine auf den ersten Blick wie aus Steinen gefertigte Stele, die jedoch schräg dasteht, fast zu kippen scheint. Trotz ihrer Statik lässt diese Skulptur eine riskante Dynamik ahnen. Dass sie mit einem völlig funktionslosen Haltegurt versehen ist, mag man als ironischen Hinweis darauf verstehen. Und so können selbst Skulpturen gleichsam den Aufstand gegen den Stillstand verkörpern.

Wer, trotz aller Modernität, auch künstlerische Aura noch schätzt, könnte einem kleinen Hinweis auf das mit gut dreieinhalb mal zehn Meter Ausmaßen größte Kunstwerk dieser Doppelausstellung große Bedeutung zumessen: Die Installation „Incidents of Travel in Yucatan“ besteht teils aus einstigen Bühnenpodesten, von denen eines bei einem Konzert Paul McCartneys zum Einsatz gekommen sein soll. Rachel Harrison hat nicht verraten, um welches der Podestteile es sich handelt. Wer aber alle anfasst, hat vielleicht auch die Stelle berührt, auf der McCartney selbst gestanden hat.

05.06.2013
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