Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Kestnergesellschaft stellt ihre Pläne für 2018 vor
Nachrichten Kultur Kestnergesellschaft stellt ihre Pläne für 2018 vor
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
02:15 21.01.2018
Kunst im Überfluss: „Unter dem Wasserfall“ (2013), eine der „Zeitskulpturen“ des Künstlers Roman Signer. 
Kunst im Überfluss: „Unter dem Wasserfall“ (2013), eine der „Zeitskulpturen“ des Künstlers Roman Signer.  Quelle: Signer
Anzeige
Hannover

 Ganz am Anfang wird die Frau an der Spitze ganz grundsätzlich. „Es geht um eine Revision“, sagt Christina Végh, „darum, die Kunstgeschichte zu hinterfragen - vielleicht auch um die Kritik und Korrektur des kunsthistorischen Kanons.“ Die Direktorin der Kestnergesellschaft spricht bei der Präsentation ihrer Pläne für 2018 von der weiblichen Dimension der Kunst, genauer gesagt, der nachgeordneten Wahrnehmung, die Künstlerinnen jahrhundertelang und auch noch den größten Teil des 20. Jahrhunderts hindurch erfahren mussten. 

Christina Végh und ihr Team haben sich gemeinsam mit der New Yorker Künstlerinnengruppe Guerilla Girls die Geschichte des eigenen Hauses vorgenommen und legen Zahlen dazu vor: Immerhin 91 Prozent aller Einzelausstellungen der Kestnergesellschaft von deren Gründung 1916 bis zum Jahr 2012 drehten sich um Männer, seit 2013 sind 68 Prozent der Einzelschauen Künstlerinnen gewidmet. „Der lange Zeit männliche Fokus ist symptomatisch“, sagt Christina Végh. „Die Kestnergesellschaft war da nicht anders als andere Kunstinstitution und überhaupt die Gesellschaft.“ 

Für die Auseinandersetzung mit diesem Thema sieht sie 2018 einen in mehrerer Hinsicht programmatischen Rahmen vor: Zwei erst spät anerkannte Malerinnen, einer jüngeren Berliner Künstlerin und die Guerilla Girls – das sind die klar weiblichen Akzente, die in diesem Jahr neben dem Skulptur- und Konzeptkünstler Roman Signer und dem US-Fotokünstler Christopher Williams in der Kestnergesellschaft zu erleben sein werden.

Christa Dichgans: „Kein Stillleben“: 
Der Ausstellungstitel mutet ein wenig ironisch an, denn das Stillleben gehört durchaus zu den Ausdrucksformen von Christa Dichgans. Sie ist in den Sechzigerjahren, beeinflusst vom Zeitgeist der Pop Art und darin bekräftigt durch Künstlerjahre in New York, selbst als Pop-Art-Exponentin hervorgetreten. Doch in ihren Stillleben zeigt sie das Plastikspielzeug der Konsumgesellschaft, darunter Objekte, die durchaus ikonischen Charakter gewonnen haben: 1969 beispielsweise den Comic-Hasen, den Jeff Koons zehn Jahre später zur Vorlage für seinen „Bunny“ gewählt hat. Aber auch die Trümmer, die die Raketenrüstung hinterlässt oder die Standardisierung von Hochhäusern. Das Werk der heute 77-jährigen Künstlerin ist bislang nur im Rahmen von Gruppenausstellungen in Kunstinstitutionen gezeigt worden, Einzelausstellungen hat es fast nur in Galerien gegeben (26. Januar bis 8. April). 

Guerrilla Girls: „The Art of Behaving Badly“: 
Wer Anstöße geben will, muss manchmal anstößig auftreten – dieser Devise folgen die Guerrilla Girls, die bei ihrer Aktionskunst und ihren Performances mit Gorillaköpfen auftreten, bereits seit 1985. Ein Jahr zuvor war der Kunstkurator Kynaston McShin über eine Ausstellung aktueller Kunst, die unter 169 Künstlern nur 13 Frauen zeigte, mit dem Satz „Wer hier nicht dabei ist, sollte seine Karriere überdenken“ zitiert worden. „Müssen Frauen nackt sein, um ins Metropolitan Museum zu gelangen?“, lautete die Frage auf einem Plakat, das die „Girls“ in bester Guerrilla-Marketing-Manier in Manhattan klebten und so männlicher Selbstherrlichkeit entgegensetzen. In der Kestnergesellschaft sollen neben Filmen der Aktionskünstlerinnen nicht nur solche Plakate gezeigt werden, es soll auch ein Plakat zur Geschichte der Kestnergesellschaft („Nach 96 Jahren … entdeckt die Kestner Künstlerinnen!“) und eine Performance geben, bei der sie (am 25. Januar um 19 Uhr) als „Frida Kahlo“ und „Käthe Kollwitz“ auftreten (26. Januar bis 8. April). 

Christopher Williams: Der US-Fotokünstler, seit knapp zehn Jahren Leiter der Fotoklasse an der Kunstakademie Düsseldorf, reflektiert in seinen Arbeiten Bildstrategien und Präsentationsformen in der Tradition der Neuen Sachlichkeit ebenso wie der Werbefotografie (5. Mai bis 29. Juli)

Roman Signer: 
Der Schweizer Künstler wird zwar bisweilen als Bildhauer bezeichnet, doch seine „Zeitskulpturen“ sind eher fließend als festgefügt, eher im Übergang als abgeschlossen. Denn der knapp 80-Jährige, von dem Arbeiten schon bei der Expo in Hannover zu sehen waren,  rückt dem Material seiner Skulpturen mit Sprengstoff, Wasserkraft oder Motoren und dokumentiert ihre Veränderung etwa in Videos, die ebenso zu sehen sein sollen wie eine neue, eigens für die Ausstellung in Hannover geschaffene Installation (24. August bis 4. November). 

 
Nevin Aladag: Die in der Türkei geborene, in Berlin aufgewachsene und lebende Künstlerin wirft mit vielfältigen Ausdrucksformen Fragen nach Geschlechteridentität und ethnischer Zuordnung auf. Für die Claussen-Halle der Kestnergesellschaft plant sie ein Kunstprojekt, das, auch unter Mitwirkung des Publikums, mehrfach verändert werden soll, weshalb für diese Ausstellung eine längere Laufzeit vorgesehen ist (22. August bis 17. Februar 2019). 

Teresa Burga: 
Die peruanische Malerin gehört gleichfalls zu den Künstlerinnen, die erst spät öffentliche Wahrnehmung gefunden haben – was in ihrem Fall auch daran liegt, dass ihr künstlerischer Handlungsspielraum bis zum Ende der Militärdiktatur in ihrem Heimatland eng begrenzt war. Erst danach hat ihre zugleich analytische und radikal subjektive Konzeptkunst eine Chance auf Anerkennung gehabt (1. Dezember bis 17. Februar 2019).

Präsentiert wurde die peruanische Künstlerin von Lena Altner, der neuen Volontärin der Kestnergesellschaft, die bislang am Migros-Museum in Zürich tätig war. Mit ihr wird denn auch das Personal der Kestnergesellschaft noch ein wenig weiblicher. Denn Milan Ther verlässt das Haus; er wechselt als Direktor an den Kunstverein Nürnberg. Als weitere kuratorische Assistentin folgt im Februar noch Julika Bosch auf die gleichfalls ausscheidende Elmas Senol. 

Von Daniel Alexander Schacht