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09:13 23.02.2012
Barabara Klemms Bild vom Künstler Joseph Beuys entstand 1970. Quelle: Barbara Klemm/Kestnergesellschaft
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Hannover

Ein schwieriger Fall – man weiß tatsächlich nicht, wo man zuerst hinschauen soll in dieser Versammlung großartiger Künstlerfotografien von Barbara Klemm in der hannoverschen Kestnergesellschaft.

Die Aufnahmen zeigen uns die von ihr ins Bild gesetzten Schriftsteller, Musiker, Komponisten, Regisseure und bildenden Künstler in Schwarzweiß und in mehr oder weniger identischen Mittelformaten. Alle im selben hellen Holzrahmen. Und doch könnten sie farbiger und individueller nicht sein.

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Wir sehen Mick Jagger, über seine Gitarre gebeugt, konzentriert und schwitzend, ein musikalisches Kraftwerk. Und erkennen, wie hart er daran arbeitet, dass seine Zuhörer Spaß haben. Alfred Hitchcock, das Gesicht ein Buddha, streckt seine Arme aus, als wolle er sein Gegenüber erwürgen wie einer seiner Filmmörder. Noch nie hat man den jungen Rainer Werner Fassbinder so verletzlich gesehen wie im Bild von Klemm. Und noch nie Joseph Beuys so entspannt, inmitten seiner Werke sitzend.

Wenn der Ehrentitel des „Auges“ für einen Fotografen nicht schon an Henri Cartier-Bresson vergeben wäre, er stünde zweifellos der 1939 in Münster geborenen Barbara Klemm zu, die 45 Jahre lang für die Frankfurter Allgemeine Zeitung fotografiert hat. Immer mit leichtem Gepäck, nie mit Stativ und langer Vorbereitungszeit, sondern stets auf die Gunst des rechten Augenblicks vertrauend und auf ihr untrügliches Gespür für Menschen und Situationen.

So gelingen ihr Bilder, von denen andere Fotografen nur träumen können. Bilder, in denen sich Wirklichkeit verdichtet. Die über sich hinausweisen und zum Symbol werden: der Philosoph Peter Sloterdijk, der wie der Weltgeist persönlich aus dem Dunkel der Vortragsbühne auf sein Publikum blickt. Andy Warhol, linkisch und schüchtern vor dem Goethe-Porträt Tischbeins im Frankfurter Städel, dem er im Siebdruck zu neuer Popularität verhalf. Der Bildhauer Richard Serra mit seinem Raubvogelgesicht in Paris, das er im Handstreich eroberte mit seiner Tuilerien-Skulptur.

Im Raum nebenan sehen wir die Werke eines gleichfalls Großen seines Metiers. John Smith schafft experimentelle Filme, die sich selbst thematisieren und zugleich unterhalten. Im Kunstkontext eine ebenso gelungene wie seltene Paarung. Der britische Filmemacher, 1952 in London geboren, ist in seinem Heimatland ein Star. Bei uns kennen ihn immer noch viel zu wenige Menschen, obwohl sich das seit seinem fulminanten Auftritt auf der Berlin Berlinale 2010 durchaus schon ein wenig gebessert hat.
Dort zeigte er seinen frühen Film „The Girl Chewing Gum“ aus dem Jahre 1976. Er ist ebenso witzig wie analytisch. Smith filmte eine Straßenecke in East London, wo er wohnt, und sein von ihm selbst darüber gesprochener Text tut so, als inszeniere er das, was der Zuschauer gerade sieht.

Die Einsicht, dass jeder Film Fiktion ist und jedes Bild Konstruktion, beherrscht auch „The Black Tower (1985-87), den die Kestnergesellschaft zusammen mit anderen Werken von Smith zeigt. In diesem Film ist der Hauptdarsteller ein schwarzer Wasserturm, den der Regisseur aus immer anderen Perspektiven filmt. Dadurch wird der Turm zum Anderen und geht durch den Film wie ein Phantom.

In „Om“ (1986), so suggeriert der Ton, ein langgezogenes buddhistisches Mantra sehr glaubwürdig, werden einem Mönch die Haare geschoren. Bis der Friseur ihn den schützenden Umhang wegzieht und darunter ein Neonazi zum Vorschein kommt. Auch „The Kiss“ (1999) produziert eine Überraschung. Man glaubt, im Zeitraffer einer Lilie dabei zuzusehen, wie sie ihre Blüte der Sonne entgegenstreckt. Bis in einem surrealistischen Schock Glas splittert und das Ganze sich als machiavellistische Konstruktion erweist.

Konstruktionen, wenn auch eher kunsttheoretischer Art, liebt auch „Andy Hope 1930“. Hinter dem rätselhaften Namen, den der Künstler 2010 angenommen hat, verbirgt sich der 1963 in München geborene Andreas Hofer, dessen Werke in Hannover bereits in den Gruppenausstellungen „Made in Germany“ and „Back to Black“ zu sehen waren.

Sein neu geschöpfter Autorenname ist nichts weniger als ein Manifest. Während der Vorname Andy auf den bürgerlichen Andreas seines Taufnamens verweist – und nicht auf Andy Warhol –, schießen nach dem Willen des Künstlers im Nachnahmen mit der Jahreszahl 1930 der russische Suprematismus und die amerikanische Comic-Kultur zusammen. Beide historische Avantgarden, die, so der Künstler, zu großen Hoffnungen (Hope) Anlass gaben.

Aber während sich der Elan eines gesellschaftlichen Aufbruchs, den man sich vom Suprematismus erwartete, längst verbraucht hat, sieht Hope den Comic noch in Saft und Kraft. Da wimmelt es nur so von Supermännern und sozialen Utopien. Das Jahr 1930 markiert für den Künstler das Todesjahr des Suprematismus und zugleich das Geburtsjahr von Superman.

Man könnte das alles als Spinnerei abtun, wenn es nicht künstlerisch äußerst produktiv und überzeugend wäre. Hopes „Time Tubes“ (2010) zwischen Bild und Skulptur, die das schwarze Quadrat von Malewitsch zitieren und einen sanften Widerhall in den ephemeren „Phantomen“ (2012) seiner Wandmalerei finden. Oder seine in unterschiedlichen Techniken ausgeführten Comiczitate, die er in „Espace de Voyage“ (2011) zusammen mit Marcel Duchamp auf die Reise schickt. Sie alle zeigen, dass Andy Hope eher ein „individueller Mythologe“ ist, wie der verstorbene große Ausstellungsmacher Harald Szeemann solche Künstler nannte. Und das ist allemal ein Ritterschlag.

Bis zum 29. April in der hannoverschen Kestnergesellschaft, Goseriede 11. Eröffnung: Donnerstag um 19 Uhr.

Michael Stoeber

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