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Kultur Kinodrama „Elly“ liefert Einblicke in die iranische Gesellschaft
Nachrichten Kultur Kinodrama „Elly“ liefert Einblicke in die iranische Gesellschaft
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19:37 20.04.2011
Von Stefan Stosch
Noch ist die Stimmung der Wochenendausflügler bestens – aber das wird sich bald ändern.
Noch ist die Stimmung der Wochenendausflügler bestens – aber das wird sich bald ändern. Quelle: Fugu
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Junge Leute auf dem Weg ans Meer, ausgelassen, ein bisschen albern. Sie stecken die Köpfe durchs geöffnete Autofenster, singen, schreien, witzeln. Das ganze Land scheint an diesem sonnigen Tag auf den Beinen und gut gelaunt zu sein. Beinahe jedes Fleckchen Grün am Straßenrand wird von pick­nickenden Menschen okkupiert. Zelte, Luxuslimousinen, qualmende Grillfeuer ziehen an den Autofahrern vorüber. Auffällig nur, dass die Frauen Kopftücher tragen, aufgehübscht mit schicken Baseballkappen darüber.

Diese Wochenendpartie findet im Iran statt, in jenem Land, das wir sonst mit Hasspredigern in Regierungsämtern, mit Atombombenplänen, Unterdrückung und Folter verbinden. Der iranische Regisseur Asghar Farhadi zeichnet im Kinodrama „Elly“ ein anderes Bild. Er zeigt uns eine der Moderne zugewandte Mittelschicht, Großstädter, die Spaß haben wollen wie überall sonst auch.

Alles scheint auf ein paar lustige Tage hinauszulaufen zu Beginn der Landpartie ans Kaspische Meer. Dann wechselt die Tonlage dieser vermeintlichen Urlaubskomödie.

Die Reisegesellschaft um ihre Sprachführerin Sepideh (Golshifteh Farahani) trifft am Zielort ein und muss in einer baufälligen Villa unterkommen, weil in der gebuchten schon andere Gäste eingezogen sind. Aber was soll’s: So leicht lassen sich die drei Paare mit ihren Kindern die gute Laune nicht verderben. Ohne die anderen einzuweihen, hat Sepideh auch noch Elly (Taraneh Alidousti) eingeladen, die Erzieherin eines der Kinder. Mit dabei ist auch Ahmad (Shahab Hosseini), dessen Ehe in Deutschland vor Kurzem in die Brüche gegangen ist. Ahmad und Elly sollen, aber davon hat zumindest die junge Frau keine Ahnung, verkuppelt werden. Viel wird hinter dem Rücken der beiden gewitzelt und getuschelt.

Elly ist das unangenehm. Sie spielt lieber mit den Kindern am Strand, lässt Drachen in den blauen Himmel steigen. Wenig später treibt der kleine Sohn eines der Paare bewusstlos im Wasser und kann gerade noch gerettet werden. Hat Elly etwa nicht aufgepasst? Und wo steckt sie überhaupt? Ist sie heimlich abgereist oder womöglich selbst ertrunken? Elly bleibt bis auf Weiteres verschwunden – ohne Spuren im Sand.

Farhadi hat mit dem Ehedrama „Nader und Simin, eine Trennung“ in diesem Februar den Goldenen Bären in Berlin gewonnen (Kinostart: Mitte Juli). „Elly“ entstand zuvor und zeigt schon die besondere Note des Regisseurs. Farhadi erzählt keine hintergründigen Parabeln wie sein Landsmann Abbas Kiarostami, er provoziert auch nicht, wie es der Exiliraner Rafi Pitts mit seinem ­Rachefilm „Zeit des Zorns“ (2010) getan hat. Der 1972 geborene Regisseur Farhadi präsentiert vielschichtige, packende Geschichten aus dem Innenleben der iranischen Gesellschaft.

Die Angst um Elly wächst, der Zusammenhalt der Strandgemeinschaft schwindet. Gegenseitige Vorwürfe werden laut, die Urlauber verschanzen sich hinter Rollenklischees von Mann und Frau, wie man sie von diesen jungen Iranern nicht erwartet hätte. Und dann taucht zu allem Überfluss auch noch Ellys Verlobter auf, von dem die anderen nicht einmal wussten, dass es ihn gibt. Sie kannten ja auch nicht Ellys Nach­namen, als die Polizei danach fragte.

Die Wochenendausflügler wagen es nicht, dem Verlobten die Wahrheit zu sagen. Sie wollen Ellys guten Ruf retten – der tatsächlich ja nie gefährdet war. Immer mehr verstricken sie sich in Lügen und Streit. Die eben noch so demonstrativ hervorgekehrte (Welt-)Offenheit kommt ihnen abhanden. Zurück bleiben einige junge Iraner, zerrissen zwischen Tradition und Moderne. Gut möglich, dass es ihnen genauso ergeht wie ihrem Land.