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Kinofilm “Idioten der Familie”: Schmerzvoller Abschied

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13:32 06.09.2019
Sonnenanbeterin Ginnie (Lilith Stangenberg): Frederick (Kai Scheve, v. l.), Tommy (Hanno Koffler), Heli (Jördis Triebel), Bruno (Florian Stetter). Quelle: Nadja Klier/Farbfilm/dpa

Wenn ihre Brüder wieder mal nicht mit Ginnies Launen fertigwerden, schallt ein Ruf durchs Einfamilienhaus: „Heli, kannst du mal schnell kommen?“ Der Ruf ist ziemlich oft zu hören in Michael Kliers Kinofilm „Idioten der Familie“. Es ist ja auch nicht so leicht, eine Schwester zu verstehen, von deren Entwicklung man über Jahre wenig mitbekommen hat, vielleicht auch gar nichts mitbekommen wollte, und die mit ihrer geistigen Behinderung ganz eigene Ansprüche an ihre Mitmenschen stellt.

Die ältere Schwester Heli (Jördis Triebel) hat Ginnie (Lilith Stangenberg) im Haus der verstorbenen Eltern betreut. Aber jetzt ist Heli Anfang vierzig, will heiraten, ihren aufgeschobenen Künstlerjob voranbringen, endlich mal etwas außerhalb der kleinen Welt inmitten des wuchernden Gartens ausprobieren. Kurz: Heli will sich um ihr eigenes Leben kümmern. Und deshalb muss Ginnie ins Heim. Oder gibt es vielleicht doch noch eine andere Lösung?

Bravourstücke der Betreuungskunst

Die drei Brüder Bruno (Florian Stetter), Tommy (Hanno Koffler) und Frederick (Kai Scheve) sind fürs Wochenende angereist – mit der Arroganz von bislang Nichtbeteiligten, die glauben, dass sie manches besser hinbekommen hätten als ihre Schwester. Nacheinander legen sie Bravourstücke ihrer Betreuungskunst ab – bis dann doch wieder der Ruf nach Heli laut wird, weil sie an ihre Grenzen kommen.

An allen Geschwistern, auch an Heli, nagt das schlechte Gewissen: Schieben sie das Nesthäkchen ab, um endlich ihre Ruhe zu haben?

Konfliktstoff zuhauf findet sich in diesem Kinodrama. Es geht dabei aber nicht um das viel kritisierte Pflegesystem in diesem Land, was ja durchaus eine Option gewesen wäre. Nur nebenbei stellen sich die Geschwister die bange Frage, ob Ginnie im Heim womöglich mit Drogen „zugedröhnt“ werden könnte.

Was ist mit pflegebedürftigen Eltern?

Wie so viele andere Überlegungen wird auch diese lieber schnell wieder beiseitegelegt. Es könnte ja unbequem werden, wenn man zu tief bohrt. Denn dann müsste man womöglich Entscheidungen treffen, die man gar nicht treffen will.

Der eigentliche Knackpunkt im Kinokammerspiel „Idioten der Familie“ ist eine Frage, mit der sich viele früher oder später herumschlagen müssen: Wie viel Platz im Leben sind wir bereit, für einen nahestehenden Menschen einzuräumen, der Hilfe braucht? Es muss ja keine Schwester sein. Aber was ist zum Beispiel mit Eltern, wenn diese pflegebedürftig werden?

Können wir uns vorstellen, bei unserer sogenannten Selbstverwirklichung zurückzustecken? Wären wir ganz einfach überfordert? Und können wir uns das wirklich leisten in einer durch und durch ökonomisierten Gesellschaft, in der jedem eingebläut wird, dass er sich selbst der Nächste ist?

Brunos besserwisserische Moralpredigten

Regisseur Klier hat ein ziemlich prototypisches Ensemble zusammengestellt, um so ein großes Thema durchzuexerzieren. Das macht die Sache übersichtlicher, aber wird der Komplexität vielleicht doch nicht ganz gerecht. Man hätte sich hier und da feinere Abstufungen gewünscht – auch wenn das Schauspielerensemble das Beste aus dieser Familienaufstellung herausholt und immer wieder leise Töne der Verunsicherung nachklingen lässt.

Da ist Bruno, der bei Projekten in Afrika seine Weltverbesserungsagenda abarbeiten will, aber schon bei seiner kleinen Schwester nicht weiterweiß – wenn er nicht gerade eine besserwisserische Moralpredigt über die Schwachen in der Gesellschaft hält. Frederick hat verbissen studiert, so wie es der Vater wollte, und Karriere als klassischer Musiker gemacht – aber der Leistungsdruck treibt ihn bei jeder Gelegenheit zu sexuellen Eskapaden, für ihn wohl eine Art Entlastungstherapie. Jazzmusiker Tommy mit dem kecken Hut auf dem Kopf tut immer so locker – sucht aber noch nach einem Mittelpunkt im Leben, an dem er andocken kann.

An diesem einen Wochenende brechen alte Spannungen zwischen den Geschwistern auf. Jeder scheint denjenigen zu beneiden, der einen anderen Weg eingeschlagen hat. Die sowieso schon überforderte Heli verschwindet derweil immer wieder mal klammheimlich, um endlich Ruhe zu haben – bis sie dann doch wieder aufgespürt wird.

Wer die „Idioten“ sind, ist klar

Wer hier die „Idioten“ sind, ist ziemlich klar: Nesthäkchen Ginnie ist es nicht. Lilith Stangenberg – sie spielte überzeugend schon im animalischen Drama „Wild“ von Nicolette Krebitz eine Frau, die nicht zu bändigen ist – stattet ihre Rolle bei aller Verzagtheit mit einem frappierenden Selbstbewusstsein aus. Die Übergriffigkeiten der Brüder, teilweise garniert mit seltsamen sexuellen Einsprengseln, pariert sie ungerührt – und bringt die Brüder gar außer Fassung, als diese erkennen müssen, dass Ginnie über ein eigenes Intimleben verfügt.

So bewegt sich dieses Wochenende auf einen schmerzlichen Abschied zu, den jeder lieber vermeiden würde. Man kommt den Figuren ziemlich nah. Und irgendwann fragt man sich, ob nicht umgekehrt ganz einfach sie es sind, die uns Zuschauern näherkommen.

„Idioten der Familie“, Regie: Michael Klier, mit Lilith Stangenberg, Jördis Triebel, Florian Stetter, Kai Scheve, Hanno Koffler, 102 Minuten, FSK 12

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Von Stefan Stosch/RND

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