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Kultur Klagenfurter Wettlesen hat begonnen
Nachrichten Kultur Klagenfurter Wettlesen hat begonnen
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22:57 05.07.2012
Von Martina Sulner
Eröffnete den Wettbewerb: Ruth Klüger. Quelle: dpa
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Klagenfurt

Auf dem Klagenfurter ORF-Gelände kommt man sich manchmal wie bei einer Weinmesse vor. Wer dort umherschlendert, schnappt Fragen auf wie: Ist es ein guter Jahrgang? Ein schlechter? Waren die vorigen Jahrgänge nicht gehaltvoller? Die Rede ist dann aber von Autoren.

14 Schriftsteller buhlen seit gestern um den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis. Was es mit der Qualität dieses Jahrgangs auf sich hat, wird wohl frühestens am Ende des Wettbewerbs, am Sonntag, erkennbar sein - wenn nicht erst nach künftigen Durchgängen, wenn es neue Vergleichsmöglichkeiten gibt.

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Deutlich ist jedoch nach dem ersten Wettbewerbstag, dass viele Autoren sich für jugendliche Helden interessieren, für die Zeit zwischen Kindheit und Erwachsensein. Gleich der erste Autor, Stefan Moster, erzählt von einem Mann, der sich daran erinnert, wie er als 18-Jähriger nach Griechenland reist. Moster, Jahrgang 1964, geht zurück in die frühen achtziger Jahre, in die Zeit der „Atomkraft? Nein danke“-Aufkleber und lila Latzhosen. „Freuden und Leiden der Interrail-Generation“ erzähle er, meint Jurorin Corina Caduff eher abwertend.

Burkhard Spinnen, Vorsitzender der siebenköpfigen Jury, hingegen, versteht Mosters Beitrag als „melancholischen, traurigen Text übers Vergessen“. Schließlich hat der namenlose Held die zentralen Begebenheiten seiner Reise jahrzehntelang verdrängt.

Melancholisch geht es auch bei Hugo Ramnek zu. Der gebürtige Klagenfurter, der schon lange in der Schweiz lebt, beschreibt einen behüteten Jugendlichen, der von einem aufregenderen Leben träumt. Auf dem Rummelplatz erlebt er Männer, die er gleichzeitig primitiv und toll findet. Eine zarte Liebe zu einer Slowenin gibt es auch noch, die Ramnek aber etwas gefühlsselig beschreibt.

Überhaupt changieren die Texte zwischen schön und schlicht, zwischen traurig und transusig. Mirjam Richners Geschichte über zwei junge Lehrerinnen, die in einer Skihütte durch eine Lawine eingeschlossen sind, hat für Burkhard Spinnen manchmal einen simplen „Girlie-Ton“. Jurorin Caduff erinnert die Geschichte der jungen Schweizerin gar an Hanni-und-Nanni-Bücher.

Ab und an blitzte bei den Erzählungen aber auch anderes auf: etwas Verstörendes, Beunruhigendes. Gerade bei Andreas Stichmann war das zu erkennen. Der Hamburger erzählt von einem jungen Mann, der auf der Straße lebt und sehnsuchtsvoll eine gut situierte Kleinfamilie beobachtet. Oder handelt der Text doch von einem Kleinbürger, der sich nach einem Leben außerhalb der Norm sehnt? Der Text lässt beide Sichtweisen zu - und gerade das macht ihn spannend.

Bei Stichmanns Lesung musste man an Ruth Klüger denken, die den Wettbewerb mit einer Rede eröffnet hatte. Die Literaturwissenschaftlerin und Autorin („weiter leben“) sprach davon, wie sehr Ingeborg Bachmanns Texte „unsere Deutungsbereitschaft verunsichern“. Die gebürtige Klagenfurterin sei der erlebten Wirklichkeit mit ihren Gedichten nähergekommen als „der biedere und teils schlichte Neorealismus der Nachkriegszeit“.

Über Günter Grass’ Israel-Gedicht „Was gesagt werden muss“ hätte Bachmann, so Ruth Klüger, wohl gelacht - „nicht wegen der Botschaft, sondern wegen des Versuchs, politische Polemik zur höheren Wahrheit zu stempeln, indem sie als Gedichtzeilen gesetzt werden“. Heute und morgen haben neun weitere Autoren die Chance, Jury und Publikum beim Wettlesen zu verunsichern. Wenn sie es wollen - und können.

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