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Kultur Fenster zur Ewigkeit
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21:07 04.05.2015
Lautstarker Auftritt: Schlagwerkeinsatz beim „Planet Messiaen“-Festival in der Oper. Quelle: Christian Behrens
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Hannover

Ein Werk, das sein Komponist nie erlebte: Als sein letztes vollendetes Werk „Éclats sur l’Au-Delà …“ im November 1992 von den New Yorker Philharmonikern uraufgeführt wurde, war Olivier Messiaen schon tot. Die Staatsoper richtete ihr 6. Sinfoniekonzert im Rahmen des „Klangbrücken“-Festivals ganz auf dieses Werk aus. Es öffnet in seinen elf Teilen Fenster zur Ewigkeit und kann als Summe des Schaffens gehört werden. In ihm werden vom gregorianischen Gesang gefärbte Melodien mit Akkorden harmonisiert, die Messiaen von eigenen Tonleitern abgeleitet hatte. Hinzu kommt ein wahrer Schwarm von Vogelstimmen. Gleich 25 von ihnen tönen im neunten Abschnitt, der den Titel „Einige Vögel der Lebensbäume“ erhielt.

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Dienstag beim Klangbrücken-Festival: „Messiaen und die Folgen“ um 19.30 Uhr in der Musikhochschule.

Für das mit 25 Gästen verstärkte Niedersächsische Staatsorchester - besonders die Gruppen der Flöten, Klarinetten, Tuben und des Schlagzeugs mussten erheblich aufgestockt werden - waren Messiaens monumentale Visionen eine Riesenaufgabe. Das klangliche, vom Publikum konzentriert gehörte und nach 65 Minuten mit einer fünfminütigen Ovation gefeierte Ergebnis aber geht als denkwürdiger Meilenstein in die Geschichte des Orchesters ein. Die Streicher musizierten die ihnen vorbehaltenen Kapitel „In der Liebe bleiben …“ und „Christus, Licht des Paradieses“ mit anrührender Wärme. Die vor allem von den Flöten und Klarinetten intonierten Vogelstimmen zwitscherten ganz nach Vorschrift des Komponisten munter durcheinander - Stefan Asbury als Dirigent signalisierte deren Einsätze nur mit Zahlen seiner ausgestreckten Finger. Die sonoren Choräle der Blechbläser wirkten wie unerschütterliche Eckpfeiler und die stabilen Akzente der vierzehnköpfigen Schlagzeuggruppe präsentierten sich als plastische Ausrufezeichen Sie kulminierten im sechsten Kapitel „Die sieben Engel mit den sieben Posaunen“, als die große Trommel das Geschehen gleich zweiundzwanzig Mal mit jeweils drei machtvollen Schlägen gliederte.

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Die Verpflichtung Stefan Asburys war ein Glücksfall der Messiaen-Interpretation. Der englische Gastdirigent formte alle Streiflichter mit umsichtiger Akribie. Seine gestischen Impulse leiteten sich konsequent aus dem Charakter der einzelnen Kapitel ab. Mal dirigierte Asbury mit Taktstock, mal genügten ihm bloße Fingerzeige. Für die Gestaltung der choralartigen Passagen verwandelte sich Asbury in einen nur mit Handbewegungen auskommenden Chordirigenten. Asburys Souveränität garantierte eine plastische Messiaen-Interpretation, die den Konzertbesuchern noch lange in der Erinnerung haften bleiben wird.

Die für das Sinfoniekonzert benötigte überstarke Gruppe der Perkussionisten feierte abends im Extrakonzert ein wahres Schlagzeuggewitter - mal unterhaltsam mit Arrangements von Ravelschem Klavierzauber oder Piazolla-Tangos, mal spektakulär mit dem nur von Fellklingern zu spielenden Sextett „Peaux“ von Iannis Xenakis, mal theatralisch in dem von Michael Pattmann vital gebotenen „Nasenflügeltanz“ von Stockhausen und visionär in Gérard Griseys „Stele“ für zwei große Trommeln, die in galaktische Bilder des Hubble-Teleskops getaucht wurden. Als Finale der perkussiven Nacht intonierten 13 Schlagzeuger die bereits 1931 komponierte „Ionisation“ von Edgard Varèse als Pionierstück der Moderne.

Von Ludolf Baucke