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Kultur „Erzählen ist nicht alles“
Nachrichten Kultur „Erzählen ist nicht alles“
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06:57 28.01.2015
Von Martina Sulner
Klaus Siblewski, geboren 1950 in Frankfurt am Main, ist Lektor beim Luchterhand Literaturverlag in München. Er hat die Werke von Ernst Jandl, Peter Turrini und Peter Härtling herausgegeben. Quelle: Ofenstein

Herr Siblewski, braucht ein Lektor demnächst ein Universitätszertifikat?
Unbedingt.

Warum?
Weil die Bedingungen, unter denen Lektoren arbeiten, nicht mehr zu vergleichen sind mit denen von vor 30, 40 Jahren. Die Verlage, in denen Lektoren arbeiten, gehören zum Beispiel zu großen Unternehmen. Da ist es schwierig für Lektoren, Selbstständigkeit und Identität zu entwickeln.

Was sollte ein Lektor konkret im Studium lernen?
Wie er Manuskripte einschätzen kann, wie er mit ihnen umgeht, wie er mit Autoren zusammenarbeitet, wie ein Manuskript so entwickelt werden kann, dass es zu einem bestmöglichen Text führt. Außerdem sollte ein Studium eine Vorstellung davon vermitteln, in welcher Tradition sich Lektoren bewegen, welche Ästhetiken sie vertreten. Dazu kommen ökonomische Kenntnisse und Fragen, wie man einem Text öffentlich Geltung verschaffen kann.

Das alles lässt sich doch auch während der Tätigkeit im Verlag lernen ...
Natürlich können Sie wie im Mittelalter einem jungen Mediziner sagen: Hier ist ein Kranker, hier ist ein Skalpell, jetzt leg’ mal los! Irgendwann wird der junge Mediziner schon etwas weiterkommen. Doch man kann die Schwierigkeiten, die auf diesem Weg entstehen, durch ein Studium beheben, kann einem Lektor damit von Anfang an selbstständiges Arbeiten ermöglichen.

Würde es nicht ausreichen, dass Autoren und Lektoren einfach enger zusammenarbeiten?
Als ich 1980 in meinem Beruf angefangen habe, habe ich noch mitbekommen, was Nähe in dem Beruf bedeuten kann. Die Gruppe 47 wirkte noch nach. In der Gruppe 47 waren Autoren, Lektoren und Kritiker in einem relativ festen Verband zusammen, sie kannten sich gut, manchmal zu gut. Davon ist nichts mehr übrig; das Schreiben und das Edieren von Büchern liegen weit auseinander.

Und jetzt wollen Sie den Beruf des Lektors aufwerten?
Fürs Aufwerten bin ich unbedingt. Vor allem aber braucht es eine eigene Identität, die aufgrund des Berufs entsteht und nicht aufgrund der Zugehörigkeit zu einem Verlag. Früher sagte man: Das ist ein Suhrkamp-Lektor, das ein Hanser- oder ein Luchterhand-Lektor. Diese Zeit ist vorbei.

Sie reagieren also darauf, dass immer mehr Verlage ihre Lektorate aussourcen?
Durchaus. Lektoren werden zukünftig stärker frei oder vielleicht sogar in Agenturen arbeiten; sie werden eigene Büros gründen. Gerade weil der Beruf sich stark differenziert, ist die Identität so wichtig.

Geht es nicht statt um Identität eher ums Überleben? Schließlich drängen die sogenannten Selfpublisher auf den Markt, die ihre Bücher ohne Verlag veröffentlichen.
Der Beruf wird so bald nicht überflüssig werden. Die Arbeit eines Lektors, der aus einem Manuskript das Beste herausholt, wird künftig sogar deutlicher erkennbar: im Kontrast zu den Büchern, die ganz ohne Verlagsbeteiligung auf den Markt kommen. Egal aber, wie sich das Verlagswesen entwickelt: Ein Lektor sollte - auch bei den veränderten Marktbedingungen - den Ehrgeiz haben, seine Handschrift, sein grundsätzliches Verständnis von Literatur deutlich zu machen. Selbst wenn in Verlagen stärker punktuell und saisonal gedacht wird als früher.

Müssen angesichts der Menge an schlechten Manuskripten Lektoren nicht einfach lernen, öfter mal nein zu sagen?
Ich bin mir nicht sicher, ob es zu viel schlechte Literatur gibt. Ich meine vielmehr, dass es zu wenig unterschiedliche Literatur gibt. Außerdem legen wir zurzeit zu viel Wert auf das Erzählerische, dadurch kann sich eine vielgestaltigere, reizvollere Literatur nur schwer durchsetzen.

Die meisten Leser sind aber durchaus froh, dass jetzt auch die Deutschen erzählen und nicht nur verrätselte Texte produzieren.
Natürlich soll erzählt werden - aber erzählen ist nicht alles. Man soll auch nicht zu einer verkopften Literatur zurückkommen, aber man sollte im Blick behalten, dass es auch andere Formen von Literatur gibt: Die spannenden literarischen Entwicklungen finden im Moment eher in der Lyrik statt.

Interview: Martina Sulner

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