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Kultur Klavierkonzerte im Technoklub
Nachrichten Kultur Klavierkonzerte im Technoklub
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08:36 26.02.2014
Von Jutta Rinas
Foto: Spielt lieber in Technoklubs: die Pianistin Alice Sara Ott.
Spielt lieber in Technoklubs: die Pianistin Alice Sara Ott. Quelle: dpa (Archiv)
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Hannover

Alice Sara Ott, Sie sind 25 Jahre alt, leben in Berlin-Kreuzberg und gelten als Nachtmensch, der bis zwei Uhr früh Klavier mit dem Kopfhörer übt. Sind Sie manchmal auch zum Feiern in den Berliner Nachtklubs zu finden?
Ich gehe selten in Klubs, schon deshalb, weil ich nicht tanzen kann. Es ist mir aber auch einfach zu laut. Ich bräuchte in jedem Klub Oropax. Ich käme sonst mit einem Piepston im Ohr wieder heraus. Das kann sich kein Musiker leisten. 

Wieso glauben Sie, Sie können nicht tanzen?
Es ist einfach so, abgesehen von meinen Händen ist mein Körper vollkommen unrhythmisch. Das ist mir aber nicht wichtig. Ich gehe nachts sowieso lieber in eine Bar, wo ich mich unterhalten kann.

Sie gehen aber doch in Klubs – allerdings für klassische Konzerte. Beispielsweise haben Sie im „Berghain“, einem der bekanntesten Nachtklubs der Republik, gespielt ...
Stimmt, das war in der Reihe „Yellow Lounge“, die klassische Musik in neue Räume bringt. Da war ich gerade nach Berlin gezogen. Noch besser erinnern kann ich mich aber an ein Konzert im WMF, das war ein Technoklub, den es heute nicht mehr gibt. Da standen vor meinem Konzert 600 bis 700 Leute vor der Tür, die wollten alle rein.

Was war anders als im klassischen Konzertsaal?
Das Publikum war viel jünger. Alles war zwangloser. Man durfte sich überall hinsetzen, zwischendurch etwas trinken, es herrschte kein Ruhezwang. Aber ich habe in solchen Konzerten die allerschönsten Erlebnisse gehabt.

Warum?
Im WMF zum Beispiel war ich richtig nervös. Ich war 19 Jahre alt. Ich wusste, die meisten Zuhörer waren noch nie im Klassikkonzert – und dann sollte ich auch noch über die Musik reden. Aber dann habe ich etwas über Chopins berühmten Minutenwalzer erzählt. Darüber, dass der Titel ganz falsch ist: Niemand schafft das Stück in einer Minute. Ich habe erzählt, dass ich mir zu der Kreisbewegung am Anfang ein kleines Hündchen vorstelle, das nach seinem Schwanz schnappt und sich dabei immer wilder dreht.

Wie haben die Leute reagiert?
Man hat gemerkt, dass viele mit einer konkreten Vorstellung im Hinterkopf mehr mit den Stücken anfangen konnten. Im Konzert herrschte sogar ein Ernst und eine Stille, wie ich es im klassischen Konzertsaal selten erlebt habe. Kein Husten, kein Rascheln ...

Im klassischen Konzertsaal von heute dagegen wird ziemlich viel gehustet.
Manchmal wirkt es fast wie ein Zwang. Das hat auch damit zu tun, dass man die ganze Zeit keinen Laut von sich geben darf, dass man zwischen den Sätzen nicht klatschen darf. Das verkrampft.

Sie glauben, das würde sich ändern, wenn es im Konzertsaal gelassener zuginge?
Ja, außerdem würde meine Generation viel häufiger in klassische Konzerte gehen, wenn sie mehr über das Leben der Klassiker wüsste.

Wieso?
In meiner Generation schwärmen viele für Popstars, weil diese ihre Gefühle ausdrücken – in Stücken, in ihren Songtexten. Das passiert in der klassischen Musik auch, nur nicht so offensichtlich. Außerdem imponiert den jungen Leuten das wilde Leben der Stars. Dabei hatten Liszt, Chopin oder Mozart viel wildere Leben.

Zum Beispiel?
Franz Liszt hatte mehr als 200 Geliebte. Eine von ihnen, Lola Montez, muss manchmal eine wahre Furie gewesen sein. Als Liszt ihr Temperament einmal nicht mehr ertragen konnte, schloss er sie in ihrem Zimmer ein, gab dem Portier den Schlüssel und bat ihn, erst fünf Stunden später wieder aufzumachen. Strawinsky hatte eine Affäre mit Coco Chanel. Viele würden das einem klassischen Musiker gar nicht zutrauen.

Braucht die Klassik neue Konzertformen, um zu überleben?
Es wird schon so lange behauptet, dass die Klassik stirbt. Aber es gehen doch noch immer ziemlich viele Leute ins Konzert. Ich glaube, die Klassik geht nicht verloren. Aber es gibt sicher einige Möglichkeiten, ein neues Publikum zu begeistern.

Was kann klassische Musik – nehmen wir einmal ganz konkret Ihr bevorstehendes Konzert am 8. März in Hannover – Menschen geben, was andere Musik nicht kann?
Es geht gar nicht darum, Pop, Rock oder Klassik in Konkurrenz zu setzen. Gute Musik gibt es überall. Es geht darum, im Konzert einen Livemoment zu teilen. Liveauftritte kann man nicht planen, schon gar nicht mit Orchester. Da sitzen viele Leute auf der Bühne, plötzlich passiert etwas Unvorhergesehenes, und alle müssen flexibel reagieren. Es entstehen Momente, in denen man alles um sich herum vergisst, Momente, in denen man diese ganze hektische Welt hinter sich lässt. Das erlebt man weder beim CD-Hören noch, wenn man Musik downgeloadet hat.

Einer der bekanntesten Befürworter neuer Auftrittsformen ist der Pianist Lang Lang. Ein Meilenstein Ihrer Karriere war es, als Sie 2010 für ihn in London einsprangen, weil er wegen Krankheit kurzfristig absagen musste. Wie fühlt man sich, wenn man so einen Anruf bekommt?
Man ist vor allem mit Organisatorischem beschäftigt. Ich war an dem Tag, als mein Agent anrief, in der Nähe von Hamburg. Es war Nachmittag, ich musste mich beeilen, um überhaupt die letzte Maschine nach London zu bekommen. Am nächsten Vormittag war Generalprobe, dann das Konzert. Ich war nur etwas mehr als 24 Stunden dort. Die Euphorie kommt später.

Sie waren Schülerin von Karl-Heinz Kämmerling, dem verstorbenen hannoverschen Doyen unter den Klavierprofessoren. Was war das Wichtigste, was er Ihnen beigebracht hat?
Er hat mir einmal gesagt, dass einem Lehrer, Wettbewerbe, Agenturen, Türen öffnen können. Hindurchgehen müsse man selbst. Das ist ein Satz, den ich heute noch sehr richtig finde.

Warum?
Weil er umschreibt, dass man selbst definieren muss, was das Wort Karriere für einen bedeutet. Ich weiß zum Beispiel heute, dass es mir nicht guttut, mehr als 60 bis 70 Konzerte im Jahr zu spielen. Ich brauche mindestens drei Monate im Jahr, um runterzukommen, neue Sachen zu lernen.

Noch mal zurück zu Hannover. Sie sind schon als 17-Jährige in der hiesigen Reihe „Preisträger am Klavier“ aufgetreten ...
Ich weiß noch, dass es im Kleinen Sendesaal war. Aber es ist doch schon ziemlich lange her. Seitdem habe ich in Hannover nicht gespielt. Mein Konzert am 8. März wird also fast so etwas wie eine Premiere sein.

Interview: Jutta Rinas

Zur Person

Alice Sara Ott wurde am 1. August 1988 als Tochter eines Deutschen und einer Japanerin geboren und begann bereits mit vier Jahren mit dem Klavierspiel. Sie war Schülerin von Karl-Heinz Kämmerling am Salzburger Mozarteum, gewann zahlreiche Preise bei Wettbewerben und tritt heute weltweit auf. Ott ist seit 2008 Exklusivkünstlerin bei der Deutschen Grammophon, 2010 wurde sie mit dem Echo Klassik ausgezeichnet.

Am Sonnabend, 8. März, 20 Uhr, tritt sie mit Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 in C-Dur op. 15 und dem Swedish Chamber Orchestra unter der Leitung von Thomas Dausgaard im Großen NDR-Sendesaal in Hannover auf. Karten: (05 11) 36 38 17.

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