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Kultur Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" in Starbesetzung inszeniert
Nachrichten Kultur Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" in Starbesetzung inszeniert
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19:09 29.07.2012
Von Rainer Wagner
Der Kurfürst (Peter Simonischek) schlägt zu, Homburg (August Diehl) leidet. Quelle: dpa
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Salzburg

Der nächtliche Garten gleicht einem Totenreich. Zweieinhalb pausenlose Stunden später wissen die Premierenbesucher im Salzburger Landestheater, dass dies kein Zufall ist. Andrea Breth hat als erste diesjährige Schauspielpremiere der Festspiele Heinrich von Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ als ein Spiel mit tödlichem Ausgang inszeniert.

Bühnenbildner Martin Zehetgruber hat statt eines barocken Schlossgartens eine verwunschene Waldszene auf die Bühne gestellt. Nebel liegt über den schütteren Bäumen - und leider auch über dem Text, denn im ersten Auftritt sprechen die Akteure, allen voran Peter Simonischek als Kurfürst, so verhalten, dass man schon in der achten Reihe nur jedes zweite Wort versteht. Andrea Breth hatte ihrem Starensemble kühles Pathos (wenn überhaupt) verordnet.

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Wie da die Hofgesellschaft mit dem schlafwandelnden Prinzen spielt und dass ihm dabei ein Handschuh als Liebespfand bleibt, muss der Kleistkenner schon im Kopf haben. Dabei konzentriert sich diese Inszenierung nicht nur auf die Frage, was wichtiger sei, Prinzip oder erfolgreicher Pragmatismus, sondern auch auf die Mitschuld der hohen Herrschaften an Homburgs Geistesverwirrung.

Denn der kommt am nächsten Morgen von dem Handschuh nicht los. Verwirrt führt er sich bei der Lagebesprechung auf wie ein hyperaktives Kind. Nicht nur, wenn August Diehl als Homburg sein Gegenüber blutig beißt, denkt man darüber nach, wie Ritalin die preußische Geschichte hätte ändern können. Diehl zappelt ein bisschen viel, auch in seiner Todesangst, doch er haucht dem Thesendrama auch Leben ein. Sein großer Monolog klingt fast störrisch.

Verhandelt wird dies alles im klinisch weißen Raum, in dem Moidele Bickels schwarze Kostüme scharf abstechen: Mode, nicht modisch. Gottlob sorgt Andrea Breth dafür, dass die Konflikte nicht ganz so schwarz-weiß verhandelt werden.

Weil Simonischeks Kurfürst nicht nur Prinzipienreiter ist, dem Disziplin über alles geht (er darf schon mal ein Möhrchen knabbern), bleibt letztlich offen, ob dies alles nur eine Prüfung für den hitzigen Homburg ist. Der hat, weil er in der Befehlsausgabe (wegen der Traumnacht) nicht aufgepasst hat, zu früh angegriffen und so zwar den Sieg errungen, aber die Schlacht vermasselt, weil dabei der Gegner nicht ganz vernichtet wurde. Hat der Sieger nicht recht? Das (Kriegs-)Recht sagt anderes. Falls Homburg sich ungerecht behandelt fühle, sei er frei, ist Kurfürstens Gnade.

Das Für und Wider wird fein verhandelt, schließlich hat man in Salzburg (in Zusammenarbeit mit dem Wiener Burgtheater) eine Starbesetzung aufzubieten, in der selbst die kleine Schlachtenerzählung des Siegfried von Mörner von einem Branko Samarovski vorgetragen wird. Und wenn die alte Elisabeth Orth als Gräfin Bork ein lakonisches „Ach“ sagt, ist das beredter als mancher Blankvers. Hans-Michael Rehberg (als knorziger Kottwitz), Roland Koch (als gezügelt temperamentvoller Graf Hohenzollern) oder Udo Samel (als beflissener Feldmarschall) führen das glänzende Männerensemble an. Andrea Clausen ist eine faszinierende, kontrolliert fühlende Kurfürstin. Pauline Knof als Traumbegierdeobjekt Natalie ist mehr rührend als verzaubernd.

Es gibt bei Andrea Breth Kleist pur und natürlich keine Mätzchen. Und doch greift sie am Ende in den Ablauf ein. Wir sind wieder im nächtlichen Wald. Als Homburg, der mit dem Tode rechnet, von seiner Begnadigung erfährt, fällt er in Ohnmacht. Natalie sagt entsetzt: „Die Freude tötet ihn!“ Und hat recht. Der Kanonendonner, der Homburg erwecken soll, erreicht ihn nicht mehr. Der alte Kottwitz schließt ihm die Augen, deckt in zu. Und Bert Wredes Bühnenmusik, die bislang meist ein leises Stahlgewitter im Hintergrund war, wechselt nun zu Händels Sarabande, die schon oft wortlos die Trauer besang. Das „Heil“ der Freude tönt kleinlaut. Und das „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs“ sagt Simonischek fast tonlos.

So verklingt ein konzentrierter Theaterabend mit einem stillen Knalleffekt.

Und mit sehr lautem Beifall.

Noch bis zum 12. August.

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