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13:04 22.01.2018
Der Knabenchor Hannover
Der Knabenchor Hannover Quelle: Imme Henrike Wolters
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Hannover

 „Text und Musik“ findet man mittlerweile ja häufiger auf den Konzertprogrammen, dass ein schon lange verstorbener Komponist seinem Publikum von seinem Leben und Schaffen erzählt, kommt dagegen nur selten vor. Genau darauf basiert aber ein neues Konzertkonzept, das der Knabenchor Hannover unter der Leitung von Jörg Breiding jetzt im Herrenhäuser Galeriegebäude erstmals erprobt hat.

Franz Rainer Enste, ehemaliger Sprecher des niedersächsischen Landtags und der Landesregierung, ist ein Profi, wenn es darum geht, einem größeren Publikum komplizierte Sachverhalte verständlich zu machen. Er schlüpfte in die Rolle Georg Friedrich Händels und präsentierte dem Publikum eine sehr persönliche Sicht auf die biographischen Fakten und kompositorischen Besonderheiten. Trotz der Ich-Perspektive konnte Enste die Zuhörer aber nur bedingt in seinen Bann schlagen. Dazu hätte sein Auftritt leidenschaftlicher und emotionaler sein müssen. Auch einige Kürzungen und Straffungen hätten dem Vortrag gut getan.

Sopranistin Joanne Lunn dagegen verzauberte das Auditorium mit ihrer hinreißend beweglichen Stimme. Sie machte sogar die allseits bekannten Gassenhauer „Ombra mai fu“ und „Falsa imagine“ zu faszinierenden Kleinoden, die man so nur selten zu hören bekommt. Ihre Stimme erfüllt alle Anforderungen barocken Operngesangs: Sie ist virtuos beweglich, tragfähig, wenn nötig kraftvoll und verfügt über die Fähigkeit, den Vibratoeinsatz nach Bedarf zu dosieren. Vor allem verfügt sie aber über die Fähigkeit, feinste Schattierungen im Pianobereich zu gestalten, womit sie zutiefst berührende, intime Klangerlebnisse schuf.

Der Knabenchor Hannover sang auf bekannt hohem Niveau. Die Texte waren hervorragend verständlich, die Intonation perfekt und die Koloraturen flüssig. Mit welcher Professionalität die Sänger beispielsweise die barocke Phrasierung verinnerlicht haben, ist faszinierend zu beobachten und verdient größten Respekt.

Musica Alta Ripa begleitete den Abend aufmerksam und anpassungsfähig und hatte mit Stücken aus der Wasser- und der Feuerwerksmusik auch eigene Auftritte. Streicher und Oboen bildeten eine schöne klangliche Einheit, rund in der Tongebung, wenn nötig aber auch einmal ruppig. Die Blechbläser sorgten für die nötige Festlichkeit, hatten aber zu Beginn geringfügige Probleme mit der notentextlichen Genauigkeit. Ganz großartig gelang dem Ensemble die Ouvertüre zur Feuerwerksmusik, die als Zugabe gegeben wurde.

Das Publikum quittierte den Abend mit lang anhaltendem, begeistertem Applaus. Das Konzept ist gut angekommen und erfährt hoffentlich eine Wiederaufnahme. Noch schöner wäre dies natürlich in den Sommermonaten, wo man barocke Musik mit barocker Gartenkunst in Einklang bringen könnte.

Von Michael Meyer-Frerichs