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Kultur Knabenchor Hannover überzeugt mit seiner Uraufführung
Nachrichten Kultur Knabenchor Hannover überzeugt mit seiner Uraufführung
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19:23 01.11.2009
Von Jutta Rinas
Klangvoll: Der Knabenchor Hannover und Dirigent Jörg Breiding bei der Einspielprobe. Quelle: Jana Striewe
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Wenn der Tod so leicht und schwerelos ist, so klar und friedlich, wie ihn sich der Komponist Harald Weiss in seinem „Requiem“ von 2008/2009 erdacht hat, dann brauchen wir wohl nicht so viel Angst vor ihm zu haben. Die Totenmusik des 60-jährigen Komponisten, der in Hannover an der Musikhochschule studiert hat und dort von 1973 bis 1983 einen Lehrauftrag innehatte, wurde am Sonnabend vom hannoverschen Knabenchor (dem es auch gewidmet ist) im Großen NDR-Sendesaal uraufgeführt. Teile waren zuvor schon beim diesjährigen Bremer Kirchentag zu hören gewesen.

Weiss’ „Requiem“ für Sopran, Tenor, Knabensopran, gemischten Chor, Flügelhorn und Kammerorchester ist ein Werk, das seinem Thema mit Ernst und Respekt und zugleich mit großer Bescheidenheit begegnet. Es kündet erstaunlich selten von Leid und Schmerz und lebt von der Sehnsucht nach schlichten, berührenden Melodien und von der tot geglaubten Kraft der Tonalität.

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Weiss schreibt in einer Art Vorwort zu seiner Partitur, dass er als junger Musiker Anhänger der komplexen Kompositionsmethoden der Neuen Musik, der seriellen Musik, der Minimal Music und der Aleatorik, gewesen sei. Seit er seinen Wohnsitz nach Spanien verlegt und zum Teil jahrelange Reisen nach Indien, Afrika und Südamerika gemacht hatte, habe ihn aber eine bis dahin ungekannte Sehnsucht nach den Traditionen des Abendlandes ergriffen. Behutsam wolle er sie wieder aufgreifen und entblättern, schreibt Weiss, dessen Opern „Amandas Traum“ und „Das Gespenst“ auch schon in Hannover zu hören waren. Liebhaber der Moderne, von Werken eines Lachenmann, Ligeti oder auch eines Hans Werner Henze, mussten am Sonnabend im Großen NDR-Sendesaal erst einmal schlucken, dass hier jemand die Errungenschaften der Neuen Musik nahezu komplett ignoriert. Akzeptierte man das, konnte man eine Musik genießen, die zwar klingt, als sei sie aus der Zeit gefallen, die aber wegen ihrer Schlichtheit und Ehrlichkeit für sich einnimmt und (neben manchen allzu süßlichen romantischen Klischees) auch viele berührende Momente enthält.

Vor allem im zweiten Teil, besonders in den beiden Schlussstücken „Lux ­aeterna“ und „Sanctus/Dies Irae-Offertorium“, zeigt sich, was Weiss’ Handschrift ausmacht – und ein gangbarer Weg abseits der Avantgarde ist. Der auf Mallorca lebende Komponist kombiniert hier sehr dezent verschiedene Stile. Er mischt romantische Harmonien mit pulsierenden Rhythmen, wie man sie aus der Minimal Music eines Steve Reich kennt. Asiatische Gongs erklingen, dazu ist wie von Ferne ein Flügelhorn zu hören. Es wird teilweise mit Dämpfer gespielt und erinnert an die Jazzmusik der zwanziger Jahre. Über allem schwebt die Stimme der an Alter Musik geschulten, überragenden Sopranistin Dorothee Mields: strahlend, ungeheuer klar, sehr intensiv; unauffälliger, aber auch klangschön: Tenor Andreas Karasiak.

Stimmlich beweglich und sehr ausdrucksstark fügt sich der Knabenchor in dieses fein austarierte Klanggemisch aus verschiedenen Welten. Die Sänger unter Jörg Breiding singen anrührend über den Tod und füllen auch schwierige Vortragsbezeichnungen – „wie ein stiller See“, „wie hinter einem Schallvorhang“ oder „wie ständiges Schweben“ – sehr überzeugend mit Leben. Viel Applaus.