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Kultur Komponist Wittenbrink: „Man musste sich Prügel abholen“
Nachrichten Kultur Komponist Wittenbrink: „Man musste sich Prügel abholen“
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17:00 12.04.2010
Von Ronald Meyer-Arlt
Komponist Franz Wittenbrink. Quelle: Martin Steiner (Archiv)

Herr Wittenbrink, wundert es Sie, dass Enthüllungen über Gewalt und sexuellen Missbrauch in Klosterschulen und Internaten gar kein Ende nehmen wollen?

Nein, das wundert mich überhaupt nicht. Ich habe ja am eigenen Leib erfahren, wie so etwas über Jahrzehnte unter dem Teppich bleibt. Natürlich wissen wir alle, dass es Misshandlungen und sexuellen Missbrauch gibt, aber es gibt auch den großen Willen, das alles nicht wissen zu wollen. Am deutlichsten ist diese ganze Vertuscherei in kleinen, abgezirkelten Einheiten wie in Sportvereinen oder auch in der Familie. Kirchen und Internate sind Institutionen wie Sekten innerhalb der Gesellschaft. Sie behaupten, die bessere Welt zu repräsentieren, vertreten Heilslehren und schotten sich ab. Und wenn da etwas unsauber ist, kommt es nur darauf an, dass es keiner mitkriegt.

Vermuten Sie, dass es da noch eine große Dunkelziffer gibt?

Ja, mit Sicherheit.

Jetzt fangen viele Betroffene an zu reden. Was gehört dazu?

Ich hatte das Glück, dass ich nach meiner Internatszeit in die Komplettrevolte gegangen bin. Ich habe mir das alles von der Seele reden können. Wenn auch jahrelang ohne jede Wirkung.

Sie waren bis 1967 bei den Regensburger Domspatzen. Was ist da mit Ihnen geschehen?

Ich kam 1958 im Alter von zehn Jahren zu den Domspatzen. Das Erste, was ich dort außer dem relativ strengen Regiment mitgekriegt habe, war, dass unser Internatsdirektor, ein Priester, Päderast ist. Es hieß, dass er abends die Jungen, die er besonders mag, zu sich holt. Die kriegen Rotwein, dann hat er an ihren Geschlechtsteilen herumgespielt, und sie mussten an seinem Geschlechtsteil herumspielen. Ungefähr ein Jahr später flogen dann von einem Tag auf den anderen die Jungen, die diesen nahen Kontakt zu ihm hatten, sowohl aus dem Internat als auch aus der Schule. Die Jungen waren dann also doppelt bestraft. Die Begründung lautete: Kontamination mit der Sünde.

Wusste jeder von den Vorfällen im Zimmer des Direktors?

Ja, das war ein offenes Geheimnis. 1959 kam dann ein neuer Direktor, und es gab ein anderes System des Strafe. Es war ein sadistisches Prügelsystem, das auch sexuell war. Die Präfekten aus dem Priesterseminar haben im Internat gewohnt. Sie waren auf den Stockwerken, in denen wir unsere Schlafsäle hatten, und haben uns beaufsichtigt. Jeder Präfekt hatte ein Notizbüchlein mit den Namen seiner Zöglinge und eine Strichliste. Immer wenn man 16 bis 20 Einträge hatte, musste man sich Prügel abholen. Es gab harmlose Präfekten, bei denen musste man sich nicht ausziehen. Die mochten wir sehr, denn die haben nur mit dem Rohrstock auf die Hose geschlagen, und man konnte sich mit einem Heft in der Hose schützen. Mieser waren die, bei denen man die Hose runterziehen musste und die dann mit dem Rohrstock geschlagen haben, und ganz mies waren die, die bei heruntergelassener Hose mit der bloßen Hand geschlagen haben. Diese Prügel musste man sich immer im Privatzimmer der Präfekten abholen. Hose ausziehen, und dann wurde man übers Knie gelegt und kriegte seine Prügel.

Da war also Strafe verbunden mit sexueller Lust der Strafenden?

So ist es. Das haben wir als Jungen auch sehr genau unterschieden. Wir wussten ganz genau, wer so ein Fiesling war. Diejenigen, die normal verprügelt haben, die fanden wir sogar noch nett. Der Schlimmste war der, der einem ins Gesicht geschlagen hat. Diese Strafe habe ich öfter bekommen. Ich wurde an die Wand gestellt, die anderen 40 Jungen schauten zu, und ich wurde 18-mal ins Gesicht geschlagen.

Empfanden Sie das als erniedrigend?

Aber natürlich. Wenn man da aus dem Zimmer herauskam, hatte man das widerlichste und mieseste Gefühl, das man haben konnte.

Wie haben Sie das durchgehalten?

Ich muss sagen, dass es mir nicht so schlimm ergangen ist wie anderen. Ich hatte eine Art Schutzschild. Mein Onkel war bayerischer Ministerpräsident.

Alfons Goppel ...

Ja. Und der bayerische Staat hat das Internat ja sehr gefördert. Ich hatte immer das Gefühl: Die machen zwar viel Scheiß mit mir, aber so richtig trauen sie sich trotzdem nicht an mich ran. Ich habe eigentlich jedes Schuljahr alle Strafen, die möglich waren, eingeheimst.

Wie war das Ende Ihrer Zeit bei den Regensburger Domspatzen?

Ich hatte das schriftliche Abitur hinter mir und schon eine sehr böse Abi-Rede vorbereitet, da bin ich rausgeschmissen worden. Es war so etwas wie eine Demonstration, dass sie sich auch von mir nicht auf der Nase herumtanzen lassen.

Sie sind dann ein Jahr später aus der Kirche ausgetreten.

Genau. Als ich studiert habe, war ich sofort im SDS, und dann gehörte ich zu den Gründungsmitgliedern des Kommunistischen Bundes Westdeutschland.

Das wirkt wie ein Wechsel von einer Heilslehre in die andere.

So ist es. Aus dieser Lebenserfahrung verstehe ich es auch so gut, wie die Heilsbotschaftsorganisationen immer wieder ihre eigenen Verbrechen vertuschen.

In Ihre Theaterarbeit sind Ihre Internatserlebnisse bisher nicht eingegangen.

Das als direkte Thematik aufzunehmen, hätte ich auch zu simpel gefunden. In meinem letzten Stück, einer Reeperbahngeschichte auf St. Pauli, tritt ein junges Mädchen auf, das von zu Hause abgehauen ist, weil der Vater sie immer befummelt hat. Das ist übrigens eine Art Standardlaufbahn bei deutschen Prostituierten.

Wer am Theater arbeitet, ist darin geübt, immer auch die Gegenseite zu sehen. Wie viel Verständnis können Sie für die Täter aufbringen?

So viel Verständnis, wie ich auch für Stalin oder Hitler aufbringe. Biografisch lässt sich ja einiges erklären, aber die Schäden, die diese Leute angerichtet haben, sind so übel, dass da nicht viel Verständnis bleibt. Wenn man über die Gründe nachdenkt, kann man sagen, dass es bei den Kirchenleuten aus der Verklemmung und den Problemen mit der rigiden Sexualmoral kommt – und natürlich haben sie ja auch leichte Beute mit den Jungs. Bei den Mitarbeitern der Odenwaldschule kommt es eher aus einer Verdrehung einer Reformpädagogik, die den pädagogischen Eros auf merkwürdige Art wörtlich nimmt und das dann noch als Ausrede verwendet.

Wie bewerten Sie die aktuelle Debatte um sexuellen Missbrauch?

Wenn der Papst jetzt von Reue spricht, finde ich das in Ordnung. Wenn er gleichzeitig den Missbrauchten sagt, sie sollen sich damit trösten, dass auch Jesus ungerecht behandelt worden ist, empfinde ich das als einen relativ billigen Trost. Die Sachen sind nicht schnell vergessen. Wenn man nicht damit umgeht im Leben, hängt es nach. Dieses schlechte Gewissen, dieses Gefühl, irgendwie in etwas Dreckiges verwickelt gewesen zu sein. Man hat auch selber immer Schuldgefühle. Für mich ist die ganze Debatte wie eine Befreiung. Ich habe vor zweieinhalb Jahren in einer Sendung im Bayerischen Rundfunk von den Geschehnissen im Internat der Domspatzen erzählt.

Und was ist passiert?

Nichts ist passiert. Die empfanden das als interessante Dönekens. Dass die Debatte jetzt geführt wird, ist gut. Wichtig ist, dass sich die Opfer äußern. Das ist das Allerschwierigste. Denn man schämt sich. Ich habe es meinen Eltern auch nie erzählt. Im Leben hätte ich es nicht erzählt. Und der Kirche brauchte ich es nicht zu erzählen. Die wussten es ja.

Georg Ratzinger, der Bruder des jetzigen Papstes, hat die Regensburger Domspatzen lange geleitet. Glauben Sie, er hat etwas von den Vorkommnissen gewusst?

Meiner Ansicht nach hat er es gewusst, und auch Joseph Ratzinger hat es gewusst. Ich glaube, dass sie alle versucht haben, es zu bagatellisieren – auch für sich wollten sie es bagatellisieren. In erster Linie ging es allen um den Schutz der eigenen Institution. Ich habe mit Georg Ratzinger die letzten dreieinhalb Jahre im Internat verbracht. Da war es für uns nicht mehr so schlimm, denn da waren wir zu groß und zu stark, um noch geprügelt zu werden, und außerdem waren wir nicht mehr attraktiv für die Präfekten, denn die wollten ja nur kleinere Jungs. Auch das ist auffällig: Die Jungs, die direkt in den heftigen sexuellen Missbrauch verwickelt waren, waren eher welche, die nicht so zur Widerrede neigten. Wahrscheinlich hat mich auch mein Hang zur Widerrede geschützt.

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