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Kultur Capitol: Kool Savas mit melancholischem Auftritt
Nachrichten Kultur Capitol: Kool Savas mit melancholischem Auftritt
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18:32 08.03.2015
Auch vor den Zugaben lässt sich der Rapper lange bitten. Quelle: Florian Petrow
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Hannover

„Letztes Mal, als ich hier war, dachte ich, die Empore kracht ein“, ruft Kool Savas den 1700 Hip-Hop-Freunden im Capitol zu. Und den Gästen auf dem Balkon gibt er einen Rat: „Ihr da oben solltet also besonders feiern, weil ihr das wahrscheinlich nicht überleben werdet!“

Kool Savas beim Konzert im Capitol.

Der Rapper stellt sein aktuelles Album „Märtyrer“ vor. Der titelgebende Song habe nichts mit Politik oder Religion zu tun, sagt Kool Savas. Es gehe darum, dass seine Fans von ihm verlangen, sich für die Kunst kaputt zu machen, sich für sie zu opfern. Doch der in Aachen geborene und in Berlin aufgewachsene Rapper will sich von seinem Publikum nicht wie ein Dienstleister behandeln lassen. Er dreht den Spieß um und fordert: „Ich würde den Song für euch performen, aber da müsst ihr schon ein bisschen mehr machen.“ Das Publikum springt herum, bis der Boden bebt. Und auch der Balkon.

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Seine Songs verknüpft Kool Savas mit Überleitungen, in denen er von der deutschen Hip-Hop-Szene erzählt, die seiner Meinung nach „gebrainwashed“ ist. Hin und wieder versucht sich der Rapper auch an Philosophie: „Zeit gibt es nicht. Zeit ist eine Erfindung.“ Oder: „Wer kann mir garantieren, dass ich nicht in einem Traum bin? Niemand!“

Kool Savas, eigentlich Savas Yurderi, ist vielseitig engagiert: Er setzt sich ein gegen Rassismus, Mobbing, Drogenkonsum und Massentierhaltung. Insbesondere seine älteren Texte passen aber nicht zu seinem Engagement, weil sie zum Teil homophobe oder frauenfeindliche Passagen beinhalten. Manche Lieder sind peinlich-pubertär, aber genau darum kommen sie beim größtenteils jungen, männlichen Publikum gut an. Viele sind schon vor Konzertbeginn betrunken und haben sich nach einer Stunde heiser geschrien.

Die Fans wollen „Das Urteil“ hören, eines der bekanntesten Lieder des Rappers und brüllen danach. Doch Kool Savas will den Diss-Track nicht spielen. Er sei gerade ein „labiles Kerlchen“.

Auch vor den Zugaben lässt sich der Rapper lange bitten. Es ist, als wollte er sein Publikum erziehen. Noch lauter mitsingen, noch mehr springen, jubeln. Auf der Leinwand über ihm sieht man animierte Bleistiftzeichnungen von zerschossenen und blutigen Gesichtern, als Kool Savas „Märtyrer“ rappt. Die Halle riecht nach Schweiß, Tabak und Gras.

„Ich weiß nicht, ob ich hier noch einmal auftrete“, sagt Savas. „Ich bin jetzt 40. Es könnte sein, dass ich vorher sterbe.“ Die Capitol-Besucher haben den Rapper an einem melancholischen Tag erwischt.

Von Mirjam Kay Kruecken

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