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Kultur Kraftklub bringen das Capitol zum Tanzen
Nachrichten Kultur Kraftklub bringen das Capitol zum Tanzen
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18:23 25.10.2012
"Verdammt, das ist Retro": Kraftklub im Capitol. Quelle: von Ditfurth
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Hannover

Früher hätte man die Jungs von Kraftklub als Spießer abgestempelt. Ordentlich gekämmte Frisur, weißes Polohemd, die graue Röhrenjeans von roten Hosenträgern gehalten. Doch die Zeiten haben sich geändert: Spießer heißen heute Hipster und sind nicht Vintage, sondern Retro. Heißt es zumindest bei Kraftklub. Äußerlich deklariert sich die Band auch als Hipster – und nimmt die Subkultur trotzdem gehörig auf die Schippe. Das kommt an, wie ihr schon Monate im Voraus ausverkauftes Konzert im Capitol beweist.

Musikalisch bewegen sich die Chemnitzer irgendwo zwischen Indierock, Elektro und Rap. Ihre Stücke sind schnell, druckvoll und laut. „Nie, nie, nie wieder Ritalin“, brüllt Sänger Felix Kummer ins Mikro. Ein bisschen hyperaktiv? Gut möglich, wenn man sieht, wie Drummer Max Marschk auf sein Instrument eindrischt. Und auch die Finger der beiden Gitarristen flitzen nur so über die Saiten. Aufwärmzeit fürs Publikum gibt’s nicht – brauchen die rund 1600 Fans auch nicht. Schon nach den ersten Takten geben sie sich ganz dem Rausch der Musik hin, die durch die Halle donnert.

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Die Band war schon mit den Beatsteaks, mit Fettes Brot und Casper hier im Capitol. Jetzt ist Kraftklub die Hauptattraktion, jetzt füllen sie den Laden allein. Der energiegeladene Rhythmus ihrer Musik ist der eine, die selbstironischen, manchmal respektlosen Texte der andere Grund, warum die Kraftklubgemeinde so rasant wächst. Dem begegnen die Jungs gern mit gespielter Naivität. Gefragte Indierocker sollen sie sein? „Wir sind nicht kredibil; wir machen Popmusik“, karikieren sich die Musiker selbst im Song „Eure Mädchen“. Überhaupt geben sie gern ihre musikalischen Einschätzungen ab. Die Trennung der Britpopper von Oasis? Ein Drama. Die Black Eyed Peas? Keine Musik. Josh Homme als Produzent der Arctic Monkeys? Eine Fehlbesetzung. Aber Kraftklub hat auch ein Rezept dagegen: „Und wenn du mich küsst, dann ist die Welt ein bisschen weniger scheiße“, singt Felix Kummer in „Songs für Liam“ – und die Fans grölen lauthals mit.

Wenn Kummer und sein Gesangspartner Karl Schumann gerade nicht über andere Bands lästern, dann nehmen sie sich selbst und die Hipsterkultur aufs Korn. „Ich will nicht nach Berlin“ heißt der Song, mit dem sie vergangenes Jahr beim Bundesvision Song Contest für Sachsen angetreten sind. Bei den Fans gilt er als Hymne gegen den Hype der kreativen Szene um die Hauptstadt. Auf den Song müssen sie allerdings bis zur Zugabe warten. Doch als Felix Kummer dann endlich mit dem Refrain loslegt, gibt es kein Halten mehr.
Fast unschuldig betreibt Kraftklub Fanpflege – kreischenden Mädchen die Hand schütteln, Tourgeschichten erzählen, immer mal ein Handtuch in die Menge schmeißen – , und auch in ihrer Musik geht es noch um ganz alltägliche Dinge wie schlechte Laune oder Eltern, die man nicht mehr schockieren kann, weil ihre Jugend wilder war, als es die eigene je sein könnte. Die Fans, überwiegend junge Menschen unter 30 Jahren, fühlen sich verstanden. Und huldigen Kraftklub mit frenetischem Applaus.

Isabel Christian

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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