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Kultur Kriegsreporter: Albtraum und Groteske
Nachrichten Kultur Kriegsreporter: Albtraum und Groteske
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07:18 04.03.2013
Von Jutta Rinas
Reist mit Soldaten: Arnon Grünberg. Quelle: Insa Catherine Hagemann
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Hannover

Schon die bloße Aufzählung, die Aneinanderreihung von Szenen des Grauens aus Kriegsgebieten, ist kaum erträglich. Von einem 17-jährigen Mädchen aus dem Kosovo berichtete die renommierte Kriegsreporterin Carolin Emcke jetzt bei einer Veranstaltung in der Reihe „Weltausstellung Prinzenstraße“ im Foyer des hannoverschen Schauspielhauses. Von Heckenschützen schwer verletzt lag das Mädchen im Krankenhaus in einem Zimmer mit lauter verwundeten Männern, Serben, Albanern, Kämpfern der kosovarischen Befreiungsarmee UCK. Wenige Stunden später starb es, weil es an medizinischer Ausrüstung fehlte.

Von einem verbrannten Kosovaren ohne Arme und Beine erzählt die 45-jährige Emcke, einem Mann, der verkohlt zwischen seinen Büchern liegt. Eine Leiche ohne Kopf beschreibt sie - und das penetrante Geräusch von Parasiten, die sich durch die menschlichen Überreste fressen. Ein zehnjähriges Mädchen aus dem Kosovo muss - einen Tag vor dem Einmarsch der Nato-Truppen - mitansehen, wie die männlichen Mitglieder ihrer Großfamilie ermordet werden. Die Kleine redet wie ein Wasserfall, aber sie gibt nur noch wirre, unverständliche Sätze von sich.

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Wie verarbeitet man solche Eindrücke? Wie gehen Kriegsreporter mit diesem Grauen um? Das war eine der Fragen, die der Schriftsteller und Moderator der Reihe, Ilija Trojanow, seinen Gästen, Carolin Emcke und Arnon Grünberg, stellte. „Gar nicht“, lautete die trockene Antwort von Carolin Emcke. Sie mache diese Arbeit seit 14 Jahren - und leide immer noch wie bei ihrer ersten Reise. Gerade weil die traumatisierten Opfer des Krieges - wie jenes zehnjährige Mädchen - oft nicht mehr imstande seien, ihr Leid zu beschreiben, sei es aber so wichtig, dass andere berichteten. „Sonst gehen Täter und Diktatoren immer als Sieger vom Feld.“

Arnon Grünberg, Autor von Romanen wie dem Bestseller „Blauer Montag“ oder dem preisgekrönten Roman „Amour Fou“ (unter dem Pseudonym Marek van der Jagt) war neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit auch als Berichterstatter in Kriegsgebieten unterwegs. Grünberg reiste - anders als Emcke, die fast immer über Zivilisten schreibt - mit militärischen Einsatztruppen in Kriegsgebieten mit. Er betonte, dass im Krieg der Alltag von Soldaten nicht nur vom Schrecken, sondern oft auch von Absurditäten bestimmt sei. Kriegsschauplätze seien auch „Schauplätze der Groteske“. Absurd könne das Caféhaus sein, in dem 200 Meter von der Front entfernt getrunken und gelacht werde. Absurd könne aber auch ein Gespräch mit einem Soldaten über seinen bevorstehenden, dritten Einsatz in Afghanistan sein, in dem dieser herausstreicht, wie wichtig es für ihn sei, ein Stück Käse dabeizuhaben und einen Käsehobel, um seinen Schatz mit den Kameraden zu teilen. Die Soldaten redeten, wie andere Menschen auch, in der Regel über die Kleinigkeiten, die ihr Leben bestimmten. Nicht über das große Ganze.

Welche Bedeutung hat die Kriegsberichterstattung aber für die Länder, in denen Frieden herrscht? Was kann sie bewegen? Emcke und Grünberg waren sehr verhalten, was die Wirkungsmacht ihrer Texte angeht. Sie habe beim Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ auch eine Zeit lang Inlandsberichterstattung gemacht. Da sei „richtig was los“, wenn man etwas aufdecke, das sei bei Auslandsberichterstattung ganz anders. Ob sie nicht glaube, dass Berichte wie jene über die Folter in den Gefängnissen von Abu Ghraib etwas verändert hätten. Sie glaube zumindest, dass die Legitimationsstrategien von Machthabern sich dadurch änderten, sagte Emcke. „Dann kann keiner mehr sagen, er habe nichts gewusst.“

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