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Kultur Krimi aus der Antike im Schauspielhaus
Nachrichten Kultur Krimi aus der Antike im Schauspielhaus
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19:47 01.03.2009
Von Rainer Wagner
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Derrick brauchte – wie sein Vorgänger „Der Kommissar“ und sein Nachfolger „Der Alte“ – immer eine Stunde, um den aktuellen Fall zu lösen. Um einen „Tatort“ zu durchleuchten, sind dagegen 90 Minuten Aufklärungsarbeit nötig. Im hannoverschen Schauspielhaus wird jetzt der Mörder von Thebens König Laios in genau 75 Minuten gesucht und gefunden. Dass das Verbrechen in den besseren Kreisen passiert, würde zu „Derrick“ passen, dass der Ermittler massive Probleme mit seinem Privatleben hat, ist eher „Tatort“-Tradition.

Solche Ähnlichkeiten sind nicht zufällig, denn hier geht es um die vielleicht älteste Detektivgeschichte der Weltliteratur. Mord und Totschlag gab es schon früher (siehe Bibel), aber hier sorgen nicht Götter, Seher oder Schicksalsmächte für die Aufklärung, sondern ein suchender Mensch. Dass dies eine Ermittlung in eigener Sache ist, macht einen Teil der Tragik aus. Dass der Übeltäter alles tat, um das Böse zu (ver)meiden, verschärft die Tragödie. Oedipus hatte, sorry Herr Freud, eben keinen Oedipus-Komplex. Er wollte nicht den Vater töten, um mit der Mutter schlafen zu können, sondern genau das vermeiden. Nur war eben im alten Griechenland gegen den Fluch der Götter nichts auszurichten. Vor mehr als 2400 Jahren hat Sophokles diese Geschichte aufs griechische Theater gebracht, und seither ist sie immer wieder gelesen, gespielt und auch vertont worden.

Regiealtmeister Wilfried Minks hat sich jetzt im Staatsschauspiel der Tragödie angenommen. Er erzählt sie straff, konzentriert, ohne Regiemätzchen, stark auf die Sprache setzend. Minks greift die alte griechische Theatertradition auf, die Sophokles begründet hat: Drei Schauspieler und der Chor, das muss reichen – auch für die Frauenrollen.

Den Chor hat Minks ausgelagert: auf knapp 20 TV-Bildschirme, die im ansonsten kargen Bühnenbild verteilt sind. Wieder hat Minks, der seine Karriere als Bühnenbildner begann, Spiegel auf die Bühne gestellt, diesmal sind sie geneigt und reflektieren den Zuschauer(raum). Ein rotes Lichtband am Boden, eine Hochhäuser-Projektion im Hintergrund, mehr braucht es nicht.

Bevor alles beginnt, sind auf den Bildschirmen (Videos: Alexander Grasseck und Stefan Corinth) nicht besorgte Thebaner zu sehen, sondern Ratten. Da denkt der eine an die Pest und die andere an eine experimentalpsychologische Anordnung. Beides trifft.
Die Pest, die Theben bedroht, ist die Gefahr von außen. König Oedipus dagegen ist der Retter von außen (immerhin hat er die Stadt von der bedrohlichen Sphinx befreit). Oder doch der interne Grund für die Bedrohung? Es geht um Erkenntnis und Selbsterkenntnis.

Christoph Franken spielt diesen Sinnsucher mit behender Körperlichkeit und nicht immer gleichermaßen beweglicher Sprachkultur. Dabei klingt Peter Krummes deutsche Textfassung doch wenig sperrig. Frankens Oedipus beginnt eher schnöselig und ist vielleicht doch ein bisschen zu sehr der naive Junge, der stets das Gute will und doch das Böse schafft. Wenn er begriffen hat, dass er – unwissend, aber dennoch schuldig werdend – den Vater erschlagen und die Mutter geheiratet (und mehrfach geschwängert) hat, schleicht sich Theatralik ein. Franken vertraut auf seinen Bauch und sein Bauchgefühl, aber dieser hochbegabte Schauspieler sollte darauf achten, dieses Stilmittel nicht überzustrapazieren.

Sascha Nathan gelingt das kleine Kunststück, als Iokaste im roten Abendkleid eher verfremdend als befremdlich zu wirken. Das ist weder lächerlich noch peinlich. Und als Iokastes Dienerin im viel zu kleinen, engen Kleidchen (Kostüme: Ina Peichl) wirkt er gar anrührend.

Torsten Ranft gibt den Kreon sehr effeminiert und darf als Bote aus Korinth dezent sächseln, was leises Kichern auslöst. Das ist dramaturgisch nicht zwingend, wirkt eher wie ein augenzwinkernder Hinweis des alten Theaterhasen Wilfried Minks, dass auch ein 79-Jähriger noch die Tricks der Effekthascherei kennt. Er könnte, wenn er wollte. Will er aber nicht.

Am Ende ein paar Buhs (von Altphilologen?) und sehr herzlicher Beifall für diesen spannend erzählten Krimi aus der Antike, der gar nicht antik wirkt. Verbrechen zahlt sich eben manchmal doch aus.

Die nächsten Aufführungen am 7., 14. und 17. März. Karten: (05 11) 99 99 11 11.

Michael B. Berger 27.02.2009