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Kultur Krimi und Fantasy: Jedediah Berrys „Handbuch für Detektive“
Nachrichten Kultur Krimi und Fantasy: Jedediah Berrys „Handbuch für Detektive“
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11:06 03.08.2010
Von Martina Sulner
Jedediah Berrys „Handbuch für Detektive".
Jedediah Berrys „Handbuch für Detektive". Quelle: Handout
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Wenn eine Hauptfigur Charles Unwin heißt, sollte der Leser lieber keinen klassischen Helden erwarten. Dieser Unwin – also: Nichtgewinner, Verlierer – aus Jedediah Berrys Roman „Handbuch für Detektive“ kommt daher wie die Karikatur eines Finanzbeamten: Seit 20 Jahren ist sein Tagesablauf nahezu identisch. Nach einer Portion Hafergrütze zum Frühstück und einer Fahrt mit dem Rad zu seinem Büro erledigt er dort seine Schreibarbeiten; abends radelt er zurück in seine Wohnung, wo er allein lebt. Mit das Schlimmste, was solch einem Typen passieren kann, ist eine Beförderung – denn die ist meist mit Veränderungen verbunden. Ausgerechnet das widerfährt Charles Unwin.

Diese Beförderung hat es besonders in sich: Seit 20 Jahren arbeitet Unwin als Schreiber in einer Detektivagentur, deren Logo ein geöffnetes Auge mitsamt dem Wahlspruch „Wir schlafen nie“ ist. In der Agentur hat Unwin die Notizen des erfolgreichen Ermittlers Travis Sivart zu gut lesbaren Berichten umgeschrieben und kennt die Fälle des Detektivs besser als dieser selbst. Jetzt ist Sivart verschwunden, und sein früherer Schreiber muss seinen Job übernehmen. Der schüchterne Unwin setzt alle Hebel in Bewegung, um an seinen Schreibtisch zurückkehren zu können. Dafür jedoch muss er den Ermittler finden – und wird bei seiner Suche in ein Mord- und Täuschungskomplott hineingezogen.

Berry, der bislang zahlreiche Kurzgeschichten veröffentlicht hat und als Lektor des kleinen Verlags „Small Beer Press“ in Massachusetts arbeitet, bedient sich für sein Debüt bei verschiedenen Genres. Das „Handbuch für Detektive“ nimmt Anleihen beim Krimi ebenso wie bei der Fantasyliteratur und steckt voller Anspielungen auf Figuren und Motive der Hochliteratur von Italo Calvino bis Franz Kafka.

Wie in einem Krimi stolpert Unwin ziemlich bald über eine Leiche. Er selbst wird als Mörder verdächtigt, muss schnellstmöglich verschwinden und den wahren Täter suchen. Dabei trifft er – Raymond Chandler lässt grüßen – nicht nur auf düstere, korrupte Kerle, sondern auch auf attraktive, undurchschaubare Frauen, die mit Vorliebe Männer ins Verderben zu stürzen scheinen.

Die Welt, in der sich der Detektiv wider Willen bewegt, ist surreal und manchmal gespenstisch. Unwin kommt dem Geheimnis auf die Spur, dass Menschen andere Menschen manipulieren, indem sie sich in ihre Träume hineinträumen. Das ist eine Idee, die schon andere Autoren und auch Filmer gereizt und einige packende Erzählungen in Gang gesetzt hat. Der japanische Autor Haruki Murakami zum Beispiel spielt mit diesem phantastischen Motiv in seinem frühen Roman „Hard-boiled Wonderland“, und in dem neuen Christopher-Nolan-Film „Inception“, der in der vergangenen Woche ins Kino gekommen ist, tritt Leonardo DiCaprio als Traumdieb auf. Auch Philip K. Dicks Erzählung „Minority Report“, von Steven Spielberg verfilmt, handelt von solchen Gedanken und Vorhersagen.

Science-Fiction-Autor Dick hat in „Minority Report“ und in anderen Texten, auf denen die Filmklassiker „Blade Runner“ und „Total Recall“ basieren, eine düstere Welt entworfen. Bei Berry geht es harmloser zu, und er malt seine verschrobenen Figuren, die wie Überbleibsel aus dem frühen 20. Jahrhundert wirken, liebevoll aus. Auch die namen­lose Stadt, in der Unwin lebt, beschreibt er detailliert und zeichnet eine Mischung aus New York und Prag, es ist eine Traummetropole in einer nicht näher definierten Zeit. Manches wirkt wie eine Zukunftsvision, anderes erinnert an Geschichten aus alten Kinderbüchern oder an Märchen – zum Beispiel ein Wanderzirkus, bei dem diverse Figuren Unterschlupf finden, und die Tatsache, dass ständig Wecker gestohlen oder verstellt werden, um irgendwelche Leute zu verwirren oder sie zum Schlafen und Träumen zu bringen.

Figuren, Schauplätze, Handlungsstränge – Berry, dessen bildstarker Roman in den USA mit mehreren Preisen ausgezeichnet wurde, beweist ein Höchstmaß an Phantasie und ein Faible für literarische Anspielungen. Manchmal ist es mit den Ideen ein bisschen viel des Guten. Der Leser verliert schon mal den Überblick, wer sich gerade in wessen Traum eingeklinkt hat. Glasklar hingegen geht es beim Buch im Buch, beim „Handbuch für Detektive“ zu, das Unwin den Start in seine neue Aufgabe erleichtern soll. Jedes Romankapitel beginnt mit einer Unterweisung; so heißt es in Kapitel elf über das Bluffen: „Beantworten Sie Fragen mit Fragen. Wenn man Sie beim Lügen erwischt, lügen Sie wieder. Sie müssen nicht die Wahrheit kennen, um jemand anderen dazu zu bringen, sie auszusprechen.“ Gekonntes Bluffen – Jedediah Berry beherrscht das in seinem Buch.

Autor

Jedediah Berry

Titel

Handbuch für Detektive

Verlag

C.H. Beck

Seitenzahl

381 Seiten

Preis

19,95 Euro