Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur „Lone Ranger“ ist ein Western von gestern
Nachrichten Kultur „Lone Ranger“ ist ein Western von gestern
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 11.08.2013
Von Stefan Stosch
Ungleiches Heldenduo: Komantsche Tonto (Johnny Depp, links) und der Lone Ranger (Armie Hammer). Quelle: Walt Disney
Hannover

Der Wilde Westen, zusammengeschrumpft zu einem Vergnügungspark: Ein paar Zelte, ein ausgestopfter Bison und ein ebenso ausgestopft wirkender Indianer stehen auf einem Rummelplatz in San Francisco herum. „Der stolze Wilde in seinem Habitat“, ließe sich das Hinweisschild zu der ausgedörrten Figur übersetzen. Wir schreiben die dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts.

Aber was ist das? Der Augapfel des Kriegers zuckt, der Indianer spricht! Der kleine Junge in der Western-Show feuert erst mal seinen Spielzeugcolt auf die Rothaut ab – das kennt er so aus dem Kintopp. Erst danach beginnt der Junge zögerlich, der wundersamen Geschichte über den „Lone Ranger“ und seinen Komantschen-Kumpel Tonto zu lauschen, der hier als lebendes Ausstellungsstück sein Rentnerdasein fristet und nun tief in seine Erinnerungen abtaucht.

Zweieinhalb Kinostunden nimmt sich Regisseur Gore Verbinski Zeit, um dem Mythos vom Wilden Westen auf die Spur zu kommen – und ihm vielleicht sogar neues Leben einzuhauchen. Das haben schon andere versucht und dabei ihre ganz eigene Interpretation abgeliefert. Kevin Costner erfand in „Der mit dem Wolf tanzt“ (1990) den Öko-Western. Jüngst kleidete Quentin Tarantino eine Sklavengeschichte ins Western-Gewand. Und Regisseur Thomas Arslan schickt im September in „Gold“ ein deutsches Auswandererteam zum Klondike.

Hier aber soll es zurück zu den Ursprüngen gehen, zum Western von gestern. „The Lone Ranger“ begann 1933 als US-Radiofigur seine Karriere und brachte es in 21 Jahren auf 2956 Folgen. Eine Fernsehserie und zwei Kinoausflüge in den fünfziger Jahren schlossen sich an. Der stets maskiert reitende Texas Ranger John Reid und der Indianer Tonto sind in den USA ungefähr so bekannt wie hierzulande Old Shatterhand und Winnetou. Ob sich deren Abenteuer ungebrochen reanimieren lassen?

Schauspieler Johnny Depp und Regisseur Gore Verbinski sorgten mit drei „Fluch der Karibik“-Filmen für Furore. Jetzt wechselt das Erfolgsduo das Genre und liefert mit „Lone Ranger“ einen Actionwestern ab. Der Film startet am 8. August im Kino.

Diesem 250-Millionen-Dollar-Film ist jedenfalls der Zwiespalt seiner Macher deutlich anzumerken. Sie würden ihre beiden Helden ja gerne ernst nehmen und den Ranger (Armie Hammer) und den Krieger Banditen jagen lassen. Tontos Rolle haben sie sogar ausgebaut – kein Wunder, wird der doch von Johnny Depp verkörpert, auch wenn er hinter weißem Gesichtsanstrich, mit ausgestopfter Krähe auf dem Kopf und seltsam steifem Gang gar nicht so leicht zu erkennen ist. Das ungleiche Duo wird Zeuge der Verbrechen, die der weiße Mann am roten Mann begangen hat, und auch der Fortschrittsglaube wird abgewatscht: Das Feuerross bringt eben nicht Frieden und Wohlstand, wie es der zwielichtige Bahnchef (Tom Wilkinson) den Indianern verspricht.

Aber stopp: All diese Tragödien dürfen selbstredend nicht zu sehr auf einer Mega-Produktion lasten, in der sich die Zuschauer wohlfühlen sollen. Ein Blockbuster aus Hollywood hat heutzutage die Verpflichtung, auch als Gag-Parade zu funktionieren. Die Aufmerksamkeitsspanne des Popcorn-Publikums wird eher kurz bemessen.

Deshalb wird ironisiert, was das Zeug hält. Kannibalen-Häschen werden als Fantasy-Getier ein- und eine Zug-Verfolgungsjagd zur Achterbahnfahrt ausgebaut. Ein Wunderpferd kann beinahe fliegen. Und wie wäre es mit einer Extraportion Horror? Der Oberschurke (William Fichtner) schneidet seinem Opfer das Herz heraus, um es zu verspeisen. Diese Szene, obwohl so dezent wie unter diesen Umständen möglich gefilmt, hat in den USA für Aufregung gesorgt. Tatsächlich sind solche Ernährungsformen unüblich in einer Disney-Produktion.

Bekannt kommt diese wilde Kinomischung einem spätestens dann vor, wenn die dritte, entscheidende Figur ins Blickfeld gerät: Blockbuster-Produzent Jerry Bruckheimer („Top Gun“, „Armageddon“, „Pearl Harbor“) ist mit von der Partie. Zusammen mit Verbinski und Depp bildete er schon das Erfolgsteam des Piraten-Unternehmens „Fluch der Karibik“. Captain Jack Sparrow navigierte den Freibeuter-Film als Themenpark ins 21. Jahrhundert, nun hat ein naher indianischer Verwandter eben in der Prärie festgemacht (wieder mit Hilfe der beiden Drehbuchautoren Ted Elliott und Terry Rossio).

Von Johnny Depp bis Emma Watson: Auch bei Film- und Popstars hinterlässt die Zeit ihre Spuren. Ein Überblick der auffälligsten Verwandlungskünstler.

Das Ergebnis fällt ähnlich aus: zeitweilig witzig und mit pointierten Dialogen, insgesamt jedoch wie ein zusammengemixter Blockbuster-Brei, der genauso gut im Weltraum spielen könnte. Gedreht wurde zwar an Originalschauplätzen, darüber wurde jedoch die übliche digitale Kunsthaut gelegt. Kurz: Ein Kinogenre wird ausgeschlachtet.

„Ist das wirklich alles wahr?“, fragt der kleine Junge in der Wild-West-Ausstellung am Ende den Runzel-Tonto. Eine Antwort bekommt er nicht. Der Kleine scheint mit seinen Zweifeln nicht allein zu sein. In den USA blieb der Film an der Kinokasse hinter den Erwartungen zurück. Produzent Bruckheimer spekuliert dennoch auf eine Fortsetzung: Am Ende lässt der Ranger seine soeben gerettete Liebe zurück und reitet mit Tonto hinaus in die staubige Weite. Keine Ahnung, was er dort noch will.

Ein Mythos wird bemüht, ein Genre ausgeschlachtet: Blockbuster-Brei.

Mehr zum Thema

Johnny Depp hat das Piratentuch abgelegt. Zur Deutschlandpremiere seines neuen Westerns „Lone Ranger“ ist er nach Berlin gekommen und hat Gemeinsamkeiten mit seiner Rolle betont – einem Indianer mit toter Krähe auf dem Kopf.

09.08.2013
Kultur Johnny Depp feiert runden Geburtstag - Der Mann mit den 1000 Gesichtern wird 50

Sanfter Verführer, wilder Pirat, teuflischer Mörder – Johnny Depp hat fast alle Rollen ausprobiert. Der Exzentriker zählt zu Hollywoods Topverdienern. Am Sonntag wird er 50 Jahre alt.

07.06.2013
Kultur Interview mit Jerry Bruckheimer - Der Blockbuster-Macher

Mehr als 16 Milliarden Dollar haben Jerry Bruckheimers Werke im Kino und im Fernsehen insgesamt eingespielt. Am 8. August startet sein neuer Western „Lone Ranger“ mit Johnny Depp in den deutschen Kinos.

09.08.2013

Mit „Citizen Kane“ wurde Orson Welles 1941 zur Legende. In Italien ist ein lange verloren geglaubter Stummfilm von 1938 aufgetaucht. „Too Much Johnson“ wird nun in New York restauriert.

08.08.2013
Kultur „Feuchtgebiete“ - Skandalfilm des Jahres?

Kaum ein Roman der vergangenen Jahren trug den Stempel „unverfilmbar“ so groß und deutlich wie Charlotte Roches „Feuchtgebiete“. Regisseur David Wnendt hat die Herausforderung angenommen und bringt das Buch nun ins Kino - Skandal vorprogrammiert?

08.08.2013
Kultur Jazz meets Heavy-Metal - Erst Heino, jetzt Helge

Nach Heino nun auch Helge Schneider. Entertainer Helge Schneider (57) kann sich eine musikalische Liaison mit einer Heavy-Metal- oder Hard-Rock-Band vorstellen. „Bei mir wäre das Metallica oder ACDC - komischerweise. Denn eigentlich bin ich ja ein Jazzman“, sagte der Künstler (57).

08.08.2013