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Kultur Künstler Ai Weiwei kann nicht schweigen
Nachrichten Kultur Künstler Ai Weiwei kann nicht schweigen
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12:35 07.09.2011
Buch eines Kritiker: Der chinesische Künstler Ai Weiwei dokumtierte drei Jahre seine Gedanken in einem Weblog. Quelle: dpa
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Ai Weiwei muss sich zurückhalten. "Ich darf keine Interviews geben", sagt der regimekritische chinesische Künstler am Telefon. Was er denn so mache? "Ich spiele jeden Tag mit meinem Sohn." Ob er an einem neuen Kunstprojekt arbeite? "Nein." Ob er schreibe? "Nein", gibt sich der 53-Jährige wortkarg."Ich darf keine Interviews geben", sagt Ai Weiwei dann am Dienstag erneut und beendet höflich, aber bestimmt das Gespräch.

Zweieinhalb Monate nach seiner Haftentlassung lebt der wohl berühmteste chinesische Künstler der Gegenwart zurückgezogen in seinem Studio im Pekinger Künstlerviertel Caochangdi. Die Staatssicherheit macht Druck, dass er den Mund halten soll. Trotzdem setzte sich Ai Weiwei über den Kurzmitteilungsdienst Twitter im August kurz für Freunde und Aktivisten ein.

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Trotz seines Maulkorbs schrieb Ai Weiwei auch einen kritischen Beitrag für das US-Magazin "Newsweek" - über Peking als Stadt der Macht und des Geldes. Er reflektiert über seine Haft wegen angeblicher "Wirtschaftsverbrechen" an einem unbekannten Ort. "Du bist in totaler Isolation", schreibt Ai Weiwei. "Du glaubst wahrlich daran, dass sie dir alles antun können." Niemand könne dem chinesischen Justizsystem trauen, warnt er.

Kein Zweifel, das Schweigen fiel Ai Weiwei immer schon schwer. "Diesen Mann kann man nicht mundtot machen", heißt es auch auf dem Umschlag eines neuen Buches von Ai Weiwei mit dem Titel "Macht Euch keine Illusionen über mich. Der verbotene Blog", das im Galiani Verlag in Berlin erschienen ist. Es ist eine Dokumentation kritischer Beiträge von drei Jahren aus seinem Web-Tagebuch, das im Mai 2009 von der chinesischen Zensur geschlossen wurde.

Stundenlang hatte Ai Weiwei damals täglich vor dem Computer gesessen und mit spitzer Feder aktuelle Entwicklungen kommentiert. Er prangerte die Lügen chinesischer Politiker an, die Korruption und die mangelnde Aufarbeitung historischer Fehler. "Wenn man das kollektive Gedächtnis eines Volkes auslöscht und seine Fähigkeit zur Selbstreflexion zerstört, dann ist es, als würde man einen lebenden Organismus seines Immunsystems berauben. Der wichtigste Unterschied ist der, dass ein Volk nicht stirbt, es verliert nur seinen Verstand."

Es ist ein Tagebuch, das an Schärfe gewinnt. Seine Wut wächst, während Ai Weiwei nach dem verheerenden Erdbeben im Mai 2008 in Sichuan versucht, gegen den Willen der Behörden die Namen all jener Kinder zu dokumentieren, die in eingestürzten Schulen ums Leben gekommen waren. Durch Korruption und Pfusch am Bau waren die Schulen schlecht gebaut. Sie hielten dem Erdbeben nicht stand. Andere Gebäude blieben stehen. "Wenn wir über irgendetwas die Wahrheit erfahren wollen, spüren wir intuitiv, dass es unmöglich ist."

"Die Verbrechen totalitärer Regime fangen damit an, dass sie den Wert des einzelnen Lebens bestreiten, der Realität ausweichen und jede Verantwortung ablehnen", schreibt Ai Weiwei. Der Einzelne habe keine Stimme. "Öffne den Mund, und du wirst verschwinden." Es könne in China nie wirklichen gesellschaftlichen Wandel geben - "denn der erste Schritt zur Veränderung der Gesellschaft besteht in der Meinungsfreiheit", argumentiert Ai Weiwei.

Nach Ai Weiweis Inhaftierung am 3. April ließ der Verlag in Windeseile das zuvor schon in den USA erschienene Buch aus dem Englischen übersetzen. Es wurde noch mit der chinesischen Manuskriptversion abgeglichen. Die Eile ist dem Buch anzumerken. Einige Passagen wirken ungenau. Die aktuellen Geschehnisse, auf die Ai Weiwei seine Beiträge bezieht, sind nur in Fußnoten erklärt.

Eine bessere Einordnung und intensivere redaktionelle Bearbeitung hätte dem Buch wahrscheinlich gut getan. Der Leser muss sich durch manche Texte geradezu durcharbeiten. Überhaupt ergibt eine Sammlung von Artikeln und Gedanken vom Konzept her nicht zwingend ein gutes Buch. Zum Glück hat Ai Weiwei viel zu sagen, weshalb "Der verbotene Blog" besonders in der zweiten Hälfte sehr lesenswert ist.

dpa