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Kultur Künstlerin Louise Bourgeois gestorben
Nachrichten Kultur Künstlerin Louise Bourgeois gestorben
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18:50 01.06.2010
Von Johanna Di Blasi
Galt als die Grande Dame der Gegenwartskunst: Die amerikanische Bildhauerin und Malerin Louise Bourgeois. Quelle: ap
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Louise Bourgeois, das 1911 in Paris geborene Altfrauenwunder der Kunst, hat sich aus symbolpolitischen Kämpfen, in denen sich manch andere Künstlerin zerrieb, immer herausgehalten. Bourgeois hat sich jahrzehntelang in geradezu altmodischer Weise auf ihr bildhauerisches Werk konzentriert. Außerhalb der Kunstszene New Yorks kannte kaum jemand die obsessiv schöpferische Dame, die schon zu den legendären Zeiten André Bretons und seines Pariser Surrealistenzirkels künstlerisch aktiv gewesen war. Kaum jemand hatte ihr wucherndes, an organischen und sexuellen Anspielungen reiches Œuvre aus Bronze, Marmor, Holz, Stofffetzen, Wachs und Papier gesehen. Das änderte sich schlagartig mit einer großen Einzelschau 1982 im Museum of Modern Art in New York. Bourgeois war inzwischen über siebzig.

In den Folgejahren explodierte das Interesse regelrecht. Ein beispielloser Karrieresprung katapultierte die Künstlerin aus der Außenseiterposition nach ganz oben. Auch – und das ist den allerwenigsten Künstlerinnen vergönnt – auf dem Kunstmarkt. Zuletzt wurden Werke von ihr für bis zu 2,9 Millionen Euro versteigert.

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Seit den neunziger Jahren durfte die alte Dame auf keiner wichtigen Kunstmesse oder Biennale fehlen. Auch Hannover nahm von ihr Notiz: 1994 war sie in der Kestnergesellschaft zu sehen, 1992 erhielt sie den Kunstpreis der Nord/LB. 1999 bekam sie den Goldenen Löwen in Venedig. 2007 gab es die bislang letzte große Retrospektive mit Stationen in London, Paris, New York und Los Angeles.

Bourgeois wuchs in einem großen Landhaus im südlichen Pariser Vorort Antony auf. Ihre Eltern waren Teppichweber, die sich auf die Restaurierung alter Gobelins aus dem 16. und 17. Jahrhundert spezialisiert hatten. Anfang der dreißiger Jahre studierte sie an der Sorbonne Mathematik, entschied sich aber bald für ein Kunststudium. Sie kam mit großen Künstlern zusammen: Joan Miró, Yves Tanguy, Max Ernst. Nach kurzer Arbeit im Atelier von Fernand Léger übersiedelte sie 1938 nach New York, nachdem sie den amerikanischen Kunsthistoriker Robert Goldwater geheiratet hatte. New York wurde Bourgeois‘ zweite Heimat.

Die Tochter einer kämpferischen Frauenrechtlerin und Anarchistin reagierte mit Sarkasmus auf den verspäteten, warmen Lorbeerregen: „Es hätte früher kommen können, aber es ist besser als gar nichts", bemerkte sie. Ihre späte Entdeckung scheint auf den ersten Blick in einer Reihe von Würdigungen feministisch engagierter Künstlerinnen und Schriftstellerinnen zu stehen: der Verleihung des Literaturnobelpreises 2004 an eine Klassikerin der sogenannten „Dekonstruktion" von Geschlechterklischees, Elfriede Jelinek, der Verleihung des Goslarer Kaiserrings an die Düsseldorfer Beuys-Schülerin Katharina Sieverding, ebenfalls 2004 oder der Verleihung des Goldenen Löwen der Venedig-Biennale für das Lebenswerk der amerikanischen Konzeptkünstlerin Barbara Kruger 2005.

Doch in diesen Fällen handelte es sich nicht um Entdeckungen, sondern um Würdigungen jahrzehntelang bekannter und umstrittener Positionen. Anders bei Louise Bourgeois: Ihre von den Theorien Sigmund Freuds und Jacques Lacans grundierten, mit erotomanen Phantasien, regressiven Ängsten und Obsessionen aufgeladenen Skulpturen hatten in der Hochphase feministischer Kunst während der siebziger und achtziger Jahre gerade kaum Beachtung und Käufer gefunden.

Bei Bourgeois spielt Heldendemontage eine wesentliche Rolle, viele der ausgedrückten Gefühle aber sind, wie Bourgeois selbst es nannte, „pre-Gender". Die Vorstellung einer dezidierten feministischen Ästhetik wies Bourgeois entschieden zurück: „Es gibt keine feministische Ästhetik. Die Frauen taten sich zusammen, nicht weil sie etwas gemeinsam hatten, sondern, weil ihnen etwas fehlte."

Ihr Werk, vor allem Skulpturen und Plastiken, zeugt von einem erstaunlichen Erfindungsreichtum. Von Nestern aus Gips über organisch geformte Bronzegebilde und winzige Selbstporträts bis zu Installationen in Zimmergröße (wie die „Cells" aus den neunziger Jahren) reicht das Spektrum. Und nie sparte Bourgeois mit phallischen und vulvaförmigen Anspielungen. Es gibt von ihr Knochenfetische , große Spinnen aus Stahl, aber auch nervöse Zeichnungen aus schlaflosen Nächten.

Als tiefere Quelle ihrer vulkanischen Produktion gilt vielen Interpreten ein schmerzhafter Punkt in der Kindheitsgeschichte: das jahrelang von der Mutter geduldete Verhältnis des Vaters von Louise Bourgeois mit der jungen, englischen Haushälterin der Familie. Ein Hauptwerk der Künstlerin aus dem Jahr 1974 heißt „Die Zerstörung des Vaters" („The Destruction of the Father"). Und mit diesem Satz, erweitert um den Zusatz „The Reconstruction of the Father", sind auch ihre 400-seitigen Memoiren überschrieben. Ihre Kunst auf eine Form der Selbsttherapie zu reduzieren, wäre aber wohl zu kurz gegriffen, auch wenn Bourgeois mit Frida Kahlo und Niki de Saint Phalle dem Typus der heroisch leidenden Künstlerin angehört.

In New York unterhielt Louise Bourgeois noch als über 90-Jährige einen sonntäglichen Salon, in dem ein offener Diskurs über Kunst gepflegt wurde. Wenn ihr Kölner Galerist Karsten Greve sie besuchte, bestickte die Greisin während des Gesprächs emsig Stoffskulpturen. Bei aller Liebe zur Geselligkeit wollte die spät Entdeckte keine Zeit verschwenden. Die Grande Dame der Skulptur ist für viele jüngere Künstler eine Mutterfigur gewesen. Am Montag ist sie 98-jährig an den Folgen eines Herzinfarktes gestorben.

In der Sammlung Scharf-Gerstenberg in Berlin ist bis zum 15. August eine Schau namens „Double Sexus" mit Werken von Bourgeois und Hans Bellmer zu sehen.

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