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Kultur Künstlerin klont Ohr von Vincent van Gogh
Nachrichten Kultur Künstlerin klont Ohr von Vincent van Gogh
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00:20 07.06.2014
Von Johanna Di Blasi
Ein feines Knistern der vielen Blasen ist zu hören: Diemut Strebes Objekt „Sugababe“ Foto: Diemut Strebe
Ein feines Knistern der vielen Blasen ist zu hören: Diemut Strebes Objekt „Sugababe“ Foto: Diemut Strebe
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Karlsruhe

Das Ohr ist nicht nur lebendig, sondern hört sogar auf einen Namen: Es heißt „Sugababe“. Gezüchtet wurde das Klonorgan, das identisch mit dem Ohr des berühmten Malers Vincent van Gogh sein soll, von der in den USA lebenden deutschen Künstlerin Diemut Strebe in enger Zusammenarbeit mit Klonexperten. Zu sehen ist die matt schimmernde Ohrreplik derzeit im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe. Das Ausgangsmaterial für das „lebende Kunstwerk“ bildete nach Angaben des Museums das Erbgut von Nachfahren des niederländischen Jahrhundertkünstlers Vincent van Gogh. Gleich zweimal hat Lieuwe van Gogh, der Urenkel von Vincents Bruder Theo und Sohn des ermordeten Filmemachers Theo van Gogh, Speichelproben abgeliefert.

Aus dem Speichel des Nachfahren wurde die DNA extrahiert. In einem drei Jahre währenden Prozess erfolgte die Abstimmung mit den Erbinformationen des Künstlers aus dem 19. Jahrhundert. Diese wurden einem von der französischen Fondation Custodia zur Verfügung gestellten Briefumschlag von 1883 entnommen, den van Gogh selbstverständlich abgeleckt hatte, um ihn zuzukleben. Das Erbgut stimme zu einem Sechzehntel mit jenem des Urenkels überein, heißt es aus dem Museum. In einem nächsten Schritt wurde Knorpelmasse gezüchtet und mithilfe computerbildgebender Technologie in die Form von van Goghs linkem Ohr gebracht. Die Künstlerin setzte dabei die gleiche Technik ein, mit der bereits 1995 ein Menschenohr auf einem Mausrücken gezüchtet wurde.

Vincent van Gogh repräsentiert mehr als jeder andere Künstler das stereotype, romantisierende Bild des Künstlers als Genie. Um ihn hat sich ein regelrechter Mythos gebildet, in dem das abgeschnittene Ohr eine besondere Stellung einnimmt. 1888 war der Maler blutüberstömt aufgewacht. Neben der Deutung der Selbstamputation im psychotischen Wahn und Vollrausch hält sich der Verdacht, sein Freund Paul Gauguin habe, aus welchen Gründen auch immer, zum Messer gegriffen.

Service

Diemut Strebe: „Sugababe“. Bis 6. Juli im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) Karlsruhe, Lorenzstraße 19.

Besucher der Ausstellung in Karlsruhe können das Ohr fragen, was wirklich geschah. Das Organ ist an einen Computer angeschlossen, der ankommende Töne verarbeitet. Die Worte verändern sich, wenn sie durch die Nährlösung, in der sich das Ohr befindet, an das Nervengewebe dringen. Was das Ohr letztlich von sich gibt, ist allerdings eher unartikuliertes Knistern. Die Künstlerin Strebe betrachtet ihre ungewöhnliche Ohrskulptur als Verschmelzung von Kunst und Wissenschaft. „Ich verwende Wissenschaft als eine Art Pinsel, in der gleichen Weise wie Vincent Malerei schuf.“ Die Nährlösung ist nur begrenzt haltbar. Deswegen endet die Schau in Karlsruhe am 6. Juli. Anfang kommenden Jahres ist eine Präsentation in New York geplant.

Der Fantasie öffnet „Sugababe“ natürlich Tür und Tor. Was könnte man noch alles klonen? Wenn man sich ans Thema Selbstamputation halten möchte, so gab es den antiken Philosophen Origines, der sich angeblich selbst entmannte. Vielleicht könnte man da etwas nachwachsen lassen? Und wieso nur Organe und nicht ganze Künstler klonen: Leonardo, Michelangelo, Raffael?

Das Ohr in Karlsruhe ist übrigens nicht das erste Kunstohr. Schon vor einigen paar Jahren ließ sich der australische Künstler Stelarc ein Ohr auf dem linken Unterarm wachsen. Ihm gefiel der Gedanke, im Café nicht das Handy aus der Tasche zu ziehen, sondern, wenn es klingelt, das Armohr ans Ohr zu halten. Deswegen ließ er Bluetooth-Funk in das Klonorgan einbauen. Wegen einer Infektion musste er das dritte Ohr allerdings bald wieder entfernen lassen.

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