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Kultur Künstlerleben mit Bodyguards: Mohammed-Karikaturist Lars Vilks
Nachrichten Kultur Künstlerleben mit Bodyguards: Mohammed-Karikaturist Lars Vilks
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08:32 03.01.2013
Von Heinrich Thies
Künstler, Zimmermann und „Staatssekretär von Ladonien“: Lars Vilks. Quelle: Thies
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Schonen/Hannover

Seine Mohammed-Zeichnungen haben einen Sturm der Entrüstung entfesselt. Die Proteste waren laut und schrill, als eine Zeitung 2007 einen Hund mit dem Bart des Propheten veröffentlichte. Unverdrossen aber arbeitet der schwedische Künstler Lars Vilks weiter an seinem Lebenswerk in aller Einsamkeit und Stille – in einer Bucht am Kullaberg im südschwedischen Schonen, mit Blick auf die Ostsee.

Das Hämmern ist schon von Weitem zu hören. Es kommt vom Strand. Wer sehen will, was da gebaut wird, muss sich einen steilen Abhang herunterkämpfen. Ein gelbes „N“, auf Tannen und Eichen aufgemalt, weist den Weg. „N“ steht für „Nimis“. Nur ein Trampelpfad führt zu dem Bauwerk – über Baumwurzeln und durch viel Gestrüpp. Der Weg lohnt sich: „Nimis“ ist ein Reich aus Tunneln und Türmen, die labyrinthisch miteinander verbunden sind und nur aus Treibholz und kleinen Brettern bestehen. Das alles wirkt wie ein zerbrechliches Gebilde auf einem Abenteuerspielplatz, aber der Anblick täuscht. Die Tunnel und Türme sind begehbar, denn das Abfallholz ist äußerst stabil vernagelt – ein Kunstwerk mit hohem Erlebniswert.

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Wer Glück hat, kann den Künstler bei der Arbeit beobachten. Mit seinem Hammer und der umgehängten Nageltasche steht Vilks in einem seiner Türme und behebt Schäden, die der Sturm angerichtet hat: ein älterer Herr mit Brille und weißen Haaren. Seit 1980 schon werkelt der Schwede an seinem Kunstwerk. Fertig wird er mit seinem Kunstprojekt wohl nie. Bis 2030 wolle er noch daran arbeiten, sagt der 66-Jährige und fügt lächelnd auf Deutsch hinzu: „Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei.“ Ein moderner Sisyphos.

In der Weltöffentlichkeit nimmt Vilks indessen seit fünf Jahren eine andere Rolle ein. Seitdem eine Zeitung seine Zeichnungen veröffentlicht hat, die den Propheten Mohammed als Hund darstellen, gilt der Schwede als Feind des Islam  – wie zuvor sein dänischer Kollege Kurt Westergaard, der 2005 den Propheten mit einer Bombe als Turban zeichnete. Wie Westergaard ist auch Vilks seither seines Lebens nicht mehr sicher.

Im Mai 2010 stürmte in einem Vorlesungssaal in Uppsala ein Mann auf ihn zu, schrie „Allah ist groß“ und schlug ihm ins Gesicht. Zwei Tage später verübten Islamisten einen Brandanschlag auf sein Haus. Im selben Jahr wurden in Irland sieben Leute festgenommen, die im Auftrag einer fanatischen Muslimin die Ermordung des Künstlers planten. Drohungen und Mordaufrufe reißen nicht ab.

Ob er Angst hat? „Ich habe Bodyguards“, antwortet Vilks mit feinem Lächeln. Es sei absurd, welch gewaltiges Echo „diese winzigen Zeichnungen“ ausgelöst hätten, sagt er. Seit fünf Jahren sei er mit den Folgen beschäftigt. „Ich würde gern eine Ausstellung darüber machen. Aber bisher hat niemand den Mut gehabt, mir einen Raum zu geben. Die Angst ist einfach zu groß.“ Er selbst dagegen habe auch nach der umstrittenen Publikation weiter Hunde mit dem Bart des Propheten gezeichnet – und auch verkauft. Niemand habe sich darum geschert. „Es geht auch nicht um die Zeichnungen“, sagt Vilks. „Es geht um Tabus. Ich wollte provozieren, erreichen, dass der Umgang mit der Religion toleranter und offener wird.“

Gegen den Islam an sich habe er gar nichts, sagt er. „Das Problem liegt in der Vermischung von Politik und Religion.“ Kurz: „Der Islam muss dringend modernisiert werden.“ Toleranz praktiziert der Künstler selbst. Auf seiner Webseite sind auch die Pamphlete seiner Gegner zu lesen. Vilks hat keine Probleme damit, wenn in seiner Treibholz-Festung „Nimis“ der Muezzin zum Gebet ruft. Ende Oktober erst hat eine selbst ernannte „Gebetsruf-Guerilla“ in einer Nacht-und-Nebel-Aktion einen „Nimis“-Turm zum Minarett umfunktioniert und eine Audio-Installation in dem Kunstwerk angebracht. „Das hat mir gefallen“, sagt Vilks. „Jeder, der ,Nimis‘ erweitert, ist mir willkommen.“ Die begehbare Plastik ist auf keinem Touristenprospekt verzeichnet. Denn Vilks baut ohne Genehmigung  – auf einem Grund, der ihm nicht gehört.

Gut 20 Jahre hat er darum mit dem schwedischen Staat prozessiert. „Ich habe immer schon die Autoritäten herausgefordert. Das ist für mich Teil meiner künstlerischen Arbeit.“ Um den drohenden Abriss zu verhindern, hat er „Nimis“ 1984 für einen symbolischen Preis an Joseph Beuys verkauft. Nach dessen Tod 1986 haben Christo und dessen Frau Jean-Claude diese Welt aus Nägeln, Holz und Beton gekauft, die der Schöpfer via Internet zum Sitz des virtuellen Königreiches Ladonien erhoben hat.

Bis zu 40 000 Besucher sollen Jahr für Jahr den Schwarzbau besichtigen. Nicht alle kommen mit den besten Absichten. Einige fielen schon mit der Kettensäge darüber her. Doch Vilks lässt sich von solchen Attacken ebenso wenig entmutigen wie von Stürmen, Ordnungshütern oder Islamisten. „Kunst“, sagt er, „ist für mich ein ewiger Kampf.“ Seinen Lebensunterhalt verdient er sich mit seinen Bildern und Skulpturen, und von 1997 bis 2003 bezog er sogar ein Gehalt als Kunstprofessor im norwegischen Bergen.

Ein bisschen Geld nimmt Vilks in seiner Eigenschaft als „Staatssekretär“ von Ladonien ein. Die Staatsbürgerschaft in diesem virtuellen Kunststaat kann man zwar kostenlos erlangen, wer aber geadelt werden will, muss 12 Euro zahlen. Ob das alles nicht ein bisschen verrückt ist? „Nicht verrückter als manch anderes Land“, findet Vilks.

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