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Kultur Prima Klima für Kapelle in Celle?
Nachrichten Kultur Prima Klima für Kapelle in Celle?
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00:15 26.08.2013
Von Daniel Alexander Schacht
Seit 18 Jahren nur noch hinter Glas: Die Kapelle im Celler Schloss. Quelle: Rainer Surrey
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Celle

Wer hier eintritt, dem soll das Herz aufgehen - darauf ist dieses Gotteshaus genau kalkuliert: In der Mitte prangt ein Altartriptychon mit einer wildbewegten Kreuzigungsszene. Der sieht man an, dass ihr Schöpfer, der Antwerpener Maler Marten de Vos (1532-1603) an der italienischen Renaissance geschult war - Bildhintergründe wie diesen hat er sogar für Tintoretto gepinselt. Beiderseits des Kreuzigungsbildes knien die Stifter Herzog Wilhelm und Herzogin Dorothea. Rechts schwingt sich eine Treppe zur prunkvollen Kanzel nach oben. Links erhebt sich die reichverzierte Empore mit dem Herrschaftsstand des Fürsten. Und wer sich zum Eingang umdreht, sieht darüber die ebenso prächtige zweite Empore mit dem Platz der Fürstin.

Dieser Anblick ist indes seit 18 Jahren durch eine Glaswand versperrt. Nur ausgewählte Gäste dürfen die Kapelle des Celler Schlosses noch betreten - wie am Freitag Niedersachsens Kulturministerin Gabriele Heinen-Klajic. Celles Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende, Superintendent Hans-Georg Sundermann und der Celler Museumsdirektor Jochen Meiners erläutern ihr dort den Stellenwert dieser einzigen vollständig im Renaissance-Stil erhaltenen Kirche nördlich der Alpen. Die ist dem Geist der Reformation so sehr verschrieben, dass darin auch das Herzogspaar mehrfach in Bibellektüre vertieft gezeigt wird - also auf dem ganz individuellen Weg zu Gott.

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Von der kunsthistorischen Bedeutung ist die Ministerin bald beeindruckt. Und nach dem kaum halbstündigen Aufenthalt in der Kapelle muss sie auch nicht mehr davon überzeugt werden, dass es für die Glaswand Gründe gibt: Schon kleine Besuchergruppen lassen die Luft stickig werden. Wer hier verweilt, dem stockt bald der Atem.

Experten des Fraunhofer-Instituts hatten vor 20 Jahren eine den Bestand der Kunstwerke gefährdende Holzverformung infolge von Feuchtigkeit festgestellt. Und deren Ursache ist nicht etwa ein undichtes Dach, sondern die Atemluft der Besucher. Die einzigartige Sakralkunst hat seit ihrer Fertigstellung 1585 mehr als 400 Jahre, darunter auch den 30-jährigen Krieg und zwei Weltkriegen überdauert. Doch dann kam, Ende der siebziger Jahre, eine Betonsanierung, die zwar die Statik stabilisiert, aber auch einen Luftabschluss bewirkt hat. Ein architektonischer Schildbürgerstreich? Davon will Celles Oberbürgermeister nicht sprechen. „Es wurde nach dem damaligen Stand der Technik gearbeitet“, sagt Mende. „Schuldzuweisungen haben da keinen Sinn.“

Unbefriedigend ist der Zustand allemal - aus weltlicher wie aus geistlicher Sicht. Die Kapelle könnte neue Touristenströme nach Celle locken, glaubt Mende. Und Superintendent Sundermann weiß sich mit Landesbischof Ralf Meister einig, dass das Gotteshaus auch für Gottesdienste genutzt werden sollte. Alle Hoffnungen ruhen jetzt darauf, dass ein neues Gutachten des Landesamtes für Denkmalpflege nebst neuer Schutztechniken wenigstens einer zeitweiligen Nutzung den Weg bahnen könnte. Das entscheidende Stichwort dazu nennt die Grünen-Politikerin Heinen-Klajic bei ihrem Besuch sogar als erste. „Heute macht moderne Klimatechnik doch vieles möglich.“ Ihre Gastgeber in Celle verfolgen diese Idee ebenfalls bereits. Unter der Kapelle soll sich eine nie genutzte Gruft befinden, in der Platz für die Klimatechnik wäre. Zur Finanzierung gibt es in Celle private Spender, aber man hofft natürlich auch auf kommunale Mittel und auf das Land Niedersachsen, zu dessen Liegenschaften das Schloss nebst Kapelle gehört.

Da will sich die Ministerin aber nicht festlegen: Zunächst müssten die Denkmalpfleger gehört werden. „Wenn die Gutachter Wege zur Nutzung aufzeigen, bin ich zuversichtlich, dass auch das Land Möglichkeiten für eine Finanzierung prüfen wird.“

Es muss also noch einiges geschehen, damit künftig Touristen oder Gläubige wieder in die Schlosskapelle gelangen können. Trotzdem hat Celles Oberbürgermeister schon eine Terminvorschlag dafür: „Im Jahr 2017 feiern wir 500 Jahre Reformation und 725 Jahre Stadtrecht“, sagt Mende. „Wäre es nicht schön, wenn wir am 31. Oktober 2017, 500 Jahre nachdem Luther in Wittenberg seine Thesen angeschlagen hat, wieder einen Gottesdienst in dieser Kirche der Reformation feiern können?“

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