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Kultur Kunstexperte gesteht Fehler ein
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11:01 27.08.2012
Kunsthistoriker Werner Spies hatte die Werke des Kunstfälschers Wolfgang Beltracchi als echt zertifiziert. Quelle: dpa
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Düsseldorf

Es gibt kaum einen großen Literaten, wichtigen Künstler oder Filmemacher der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dem Werner Spies nicht begegnet ist. Die führenden Köpfe der künstlerischen Welt Europas und der USA seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zählte der 75-jährige Kunsthistoriker aus Tübingen zu seinen Bekannten und Freunden.

Doch es reichte ein einziger Mann, der das Lebenswerk dieses Kulturkosmopoliten ins Wanken brachte: Spies fiel auf den Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi herein. Er stellte für sieben vermeintliche Bilder des Surrealisten Max Ernst (1891-1976) Echtheitsexpertisen aus. Ausgerechnet Ernst, für den es keinen größeren Experten gibt als Spies. Er wurde binnen weniger Monate von einem weltweit anerkannten Experten zu einer tragischen und umstrittenen Person der Kunstwelt.

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Jetzt hat Spies auf 600 Seiten seine Memoiren ausgebreitet. „Mein Glück“ hat er die am Montag erschienenen Erinnerungen mit einem Anflug von Trotz genannt. Seinem „Unglück“ Beltracchi widmet Spies dürre fünfeinhalb Seiten am Ende als Epilog. So trennt er auch visuell das Glück von der Tragik seines Lebens

Wie eine Ironie der Geschichte erscheint es, dass Spies, dessen Lebenswerk aus einem Geflecht Tausender Begegnungen besteht, ausgerechnet Beltracchi nie persönlich traf, sondern nur dessen Frau Helene. 400 Max Ernst-Fälschungen hatte Spies nach eigenen Angaben in vielen Jahren aus dem Verkehr gezogen, aber die sieben von ihm zertifizierten Beltracchi-Fälschungen wurden für Millionensummen auf dem Kunstmarkt verkauft - zum Teil mit Hilfe von Spies

Erstmals gesteht er „einen Fehler“ ein: „Ich konnte Käufer vermitteln, und die Beltracchis ließen es sich - obwohl ich es nicht verlangt habe - nicht nehmen, mir eine ansehnliche Verkaufsprovision auf ein angegebenes Schweizer Konto zu überweisen.

400.000 Euro, so hatte Spies’ Anwalt bestätigt, hatte er von den Beltracchis kassiert. Trotz des Eingeständnisses aber sieht sich Spies als Opfer, als „der Getäuschte, durch die Täuschung Geschädigte“, während der vergangenes Jahr verurteilte Beltracchi sich als Freigänger „eines fröhlichen Lebens“ erfreue.

Spies ist ein tief gekränkter Mann. Es sei für ihn „schwer hinnehmbar, mich wegen eines Irrtums immer wieder am Pranger zu sehen“. Auch der berühmte Galerist Daniel-Henry Kahnweiler, der sein Türöffner in Paris war, habe einst Fälschungen von Bildern seines Freundes Fernand Léger nicht erkannt und sei dennoch nicht darüber gestürzt, schreibt Spies an anderer Stelle.

Beltracchi ist nach Ansicht von Spies „ein genialer Fälscher“. Das klingt nach dem Versuch der nachträglichen Rechtfertigung dafür, dass er sich allein auf den Augenschein verließ. Denn niemand kennt Ernsts Werk besser als Spies. Er brachte Ordnung in das riesige Oeuvre und hütet das Werkverzeichnis. Detailliert beschreibt Spies Ernsts Techniken der Frottage und Grattage, die er so akribisch studierte, dass er sogar in einem Hotelzimmer des Malers den Dielenboden unter einem Bett abmalte.

Wichtig ist es Spies, der Anfang der 60er Jahre im Auftrag des Süddeutschen Rundfunks nach Paris kam, seine persönlichen Freundschaften mit den Künstlern herauszustellen. Als junger Mann sei er schüchtern und von Minderwertigkeitsgefühlen geplagt gewesen, bekennt er. Seine freudlose Kindheit und Jugend im schwäbischen Rottweil war geprägt von Hunger, Demütigungen, Prügel und seelischer Kälte.

In Paris wird Spies mit offenen Armen empfangen - keine Selbstverständlichkeit angesichts der schwierigen deutsch-französischen Beziehungen nach dem Krieg. Er trifft die Heroen des „nouveau roman“ Nathalie Sarraute und Alain Robbe-Grillet, begegnet Sonia Delaunay, André Malraux, Tristan Tzara, Alberto Giacometti. Schließlich öffnete sich ihm die Tür zum Atelier Picassos (1881-1973).

Spies, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere Direktor des Museums für moderne Kunst im Pariser Centre George Pompidou war (1997-2000), verfasste das Werkverzeichnis zu Picassos Skulpturen und kuratierte erfolgreiche Picasso-Ausstellungen.

Brillant analysiert der Romanist nicht nur Bilder von Picasso, sondern auch Sarrautes Bücher und Becketts Theaterstück „Warten auf Godot“. Die Flut von Namen und Zeitsprüngen, wo Spies auch mal den Bogen von Ernst Jünger über Céline bis Neo Rauch und Tarkowski spannt, macht das Buch zu einer anstrengenden Lektüre. Immer scheint Spies dort gewesen zu sein, wo Geschichte geschrieben wurde, ob in New York, in Kairo oder in Bonn bei Willy Brandt. Nur zu einem Künstler behielt er eine kritische Distanz: Joseph Beuys.

Das Ende von „Mein Glück“ ist Beltracchi - „diese fürchterliche Wendung der Dinge“, schreibt Spies mit einem Zitat von Adalbert Stifter.

dpa

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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