Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Paarlauf der Bahnbrecher
Nachrichten Kultur Paarlauf der Bahnbrecher
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:36 11.06.2014
Stummfilm-Komiker Buster Keaton im Führerstand einer alten Lokomotive auf dem Münchner Hauptbahnhof. Quelle: dpa
Anzeige

Es gibt so etwas wie weltberühmte Geheimtipps. Klassiker, die nie Betriebsspeck angesetzt haben und daher taugen, dem trägen Rest der Welt eine frische Brise zu bieten. Das ist jetzt bei den Kunstfestspielen idealtypisch gelungen. Dort wurden Buster Keatons Stummfilm „The General“ (1926) und Terry Rileys Minimal Music „In C“ (1964) zusammengeführt, beides Bahnbrecher, was man im Falle von Keaton mit Railbuster übersetzen könnte: Noch nie wurden so viele Schienen verbogen wie in dieser brillantesten Verfolgungsjagd der Filmgeschichte. Sogar eine Dampflok lässt Buster ins Wasser stürzen.

Diesem Aufwand steht mit der frühesten Minimal Music eine Partitur gegenüber, die nur eine Seite umfasst. Darauf sind 53 Patterns verzeichnet, bei deren Interpretation bloß die Reihenfolge feststeht. Wie viele Musiker worauf diese Tonfolgen spielen, in welchen Tempi, wann wer von einer zur nächsten wechselt, ist offen. Darin erkannte Stephan Meier, Schlagzeuger des Neuen Ensembles, ideale Bedingungen, um „In C“ auf Keatons Film zuzuschneiden. Neun Musiker, Geige, Cello, Holzbläser, Synthi, Klavier, Schlagzeug, versammelten sich zu gezielter Improvisation vor der Leinwand. Motorik hier wie dort.

Anzeige

Denn unablässig pulsten, ja pleuelten die Klänge und vermittelten das Eigenleben der Maschinen, die Keaton durch den Sezessionskrieg dampfen lässt. Statt die Filmschnitte platt zu vertonen, wurde ein reagierender Horizont geschaffen – und den hat „The General“ auch. Der Film ist episch, nicht episodisch, alle Gags sind aus der Geschichte einer unfreiwilligen Heldentat entwickelt, die stets knapp an der Katastrophe vorbeischrammt. Keaton entwickelte ein visuelles Vokabular von einer Virtuosität und Ironie, die heutige Action und Comedy wie von einem Haufen schwerfälliger Trottel gemacht erscheinen lassen. Als solche lässt er übrigens auch die Militärs beider Seiten, der Nord- und Südstaaten von 1862, erscheinen. Das war nicht seine Absicht, er war unpolitisch, aber seine Zeitgenossen sahen ein historisches Ereignis vergagt und ließen den Film floppen. Dass ihn erst die Generation von Terry Riley (Jahrgang 1935) in seiner anarchischen Brillanz erkannte, macht die Kombination mit „In C“ auch historisch schlüssig.

So war man auf vielen Ebenen fasziniert. Man lachte wie ein Kind über Keatons Pannen und sah sich intellektuell auf hohem Niveau versorgt im Staunen über die Transparenz seiner Komposition. Dass sie auch surreale Bilder bringt, haben die Musiker mit nie berechenbaren, unendlich reichhaltigen Klängen ebenso unterstrichen wie das Musikalische dieses Films. Umgekehrt zeigten die Bilder, dass Minimal Music eine kreative Fortsetzung maschineller Prozesse sein kann. Hinter Keatons Komik und Rileys Patterns erkennt man mit leichtem Grauen auch etwas, das uns heute beschäftigt: die Verselbstständigung der Technik.

Von Volker Hagedorn

Kultur Rolling Stones in Berlin - Satisfaction garantiert
Mathias Begalke 13.06.2014
Kultur „Stranger in My Own Country“ von Yascha Mounk - Ein junger Jude rechnet mit Deutschland ab
10.06.2014
09.06.2014