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Kultur Kunstfestspiele starten mit "Geometrie der Liebe"
Nachrichten Kultur Kunstfestspiele starten mit "Geometrie der Liebe"
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06:15 06.06.2012
Von Stefan Arndt
Ein Mann, viel Verwirrung: In „Geometrie der Liebe“ verlieben sich alle in den geheimnisvollen Fremden. Quelle: Wilde
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Hannover

Man kann dem Mann nichts vorwerfen. Der Schauspieler Christian Löber macht nur das, was in den Noten steht. Allerdings ist George Macunias’ 1962 entstandenes „Solo for Violin“ wohl weniger eine Partitur als eine Tortur - zumindest für das Instrument, das im Laufe des Stückes regelrecht hingerichtet wird. Löber überspannt jede einzelne Saite, bis sie reißt und schneidet mit einem Küchenmesser genüsslich Schlitze in den Korpus, bevor er dem Instrument mit beherzten Schlägen den Rest gibt.

Im Galeriegebäude Herrenhausen, wo diese Performance zur Eröffnungsproduktion „Geometrie der Liebe“ der Kunstfestspiele gehört, werden derweil Köpfe geschüttelt, und wenn der Bogen am Boden zersplittert, geht ein Raunen durch das Publikum. Es kommt also Leben in den Saal. Endlich. Denn was zuvor zu sehen und zu hören war, schien manchen Besucher eher in eine Art Duldungsstarre verfallen zu lassen. Dabei klingt es verwegen genug für einen interessanten Theaterabend, was sich der Regisseur Alexander Charim und der Musiker Michael Rauter vorgenommen haben: ein Musiktheaterstück nach Pier Paolo Pasolinis Film „Teorema“ von 1968 - der es schon öfter mal auf die Bühne geschafft hat. In einer einfachen Geschichte werden komplexe Mechanismen sichtbar: Das geregelte Leben einer Familie kommt aus dem Takt, als ein junger Gast das Haus betritt. Dienstmädchen, Sohn, Mutter, Vater, Tochter - sie alle verlieben sich in den Besucher, der zugleich unbekannte Seiten der Hausbewohner erweckt. Dann reist der Fremde ab, und die Familie findet nach dem Rausch nicht mehr in den alten Lebensrhythmus zurück. Das Leben der einzelnen Mitglieder bleibt fortan zerrüttet.

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In Hannover wird eine schöne erste Viertelstunde lang die bequeme Leere des Alltags eingefangen. Der Zuschauer kann sich fast als unsichtbarer Gast in der Wohnung fühlen. Vollständigen Einblick bekommt er dabei natürlich nicht - auch in der Galerie ahnt man mehr, was geschieht, als dass man es sieht. Das Publikum sitzt an den Längsseiten des schmalen, gestreckten Saals und kann kaum alle fünf im Raum verteilten Spielstätten überblicken. Hier bearbeitet das Dienstmädchen den Esstisch mit Politur, dort ringt die Dame des Hauses mit Haltung die Langeweile nieder: Man verpasst nichts, wenn man die Details verpasst. Textprojektionen an der Wand stellen derweil das Personal vor, während einzelne im Raum verteilte Streicher interessante Sphärenklänge verlauten lassen.

Noch funktioniert das ungewöhnliche Konzept von Musiktheater, das die Kunstfestspiele in ihrer dritten Spielzeit endgültig zum Markenzeichen erhoben haben. Schauspieler und Musiker sind hier gleichberechtigte Akteure. Was die Musiker zu Beginn zu sagen haben, ist allerdings atmosphärischer und interessanter als das, was die Schauspieler den überwiegenden Rest des fast dreistündigen Abends sprechen werden.

Regisseur Charim, der schon die ersten Kunstfestspiele mit einem spektakulären „Orfeo“ eröffnet hatte und dessen „Barbier von Sevilla“ gerade an der Staatsoper Hannover zu sehen ist, vollzieht leider bald eine Kehrtwende in der Erzähltechnik: statt Ahnung gibt es Eindeutigkeit. Die glückliche Verwirrung der Gefühle, das späteres Leid - all das wird so direkt gezeigt, gesagt und vertont, dass man es keinesfalls mehr glauben kann.

Die Parabel von der erweckenden Liebe, die mühsam ausbalancierte Lebensläufe aus der Bahn wirft, hat da aber ohnehin alle Dringlichkeit verloren. In den Zimmern, zwischen denen der lockige Liebesbringer ständig in eiliger Bewegung ist, sieht man bald nichts mehr als seltsame Menschen mit seltsamen Verhalten: ein Exotenkabinett.

Potenzial haben Stück und einige Akteure genug. Vor allem die jungen Musiker des Ensembles Kaleidoskop zeigen, dass sie auf der Bühne mehr wagen und können als die Generationen vor ihnen. Mit etwas besserer Abstimmung und viel mehr Vertrauen auf die hier wiederentdeckte Beredsamkeit von Musik hätte der Abend mehr sein können als eine Abfolge unterschiedlich qualitätsvoller Szenen.

Dass das durchaus gelingen kann, zeigt ein später Erfolg der vorjährigen Eröffnungsproduktion, bei der die Berliner Musiker ebenfalls beteiligt waren. Die Händel-Modeschau „Semele Walk“, die 2011 bei den Kunstfestspielen zu sehen war, ist gerade zum Sydney-Festival eingeladen worden. Im Januar eröffnet eine Produktion aus Herrenhausen das renommierte Kunstfest in Australien - das ist ein Erfolg für die Kunstfestspiele, der Hoffnung machen kann auf eine große Zukunft. Vielleicht wird ja auch die „Geometrie der Liebe“ irgendwann noch einmal aufgehen. Alte Geigen gäbe es ja genug.

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