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Kultur Kunstmuseum zeigt Giacometti in neuem Licht
Nachrichten Kultur Kunstmuseum zeigt Giacometti in neuem Licht
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10:22 19.11.2010
Von Johanna Di Blasi
Blick in die Giacometti-Ausstellung des Kunstmuseums Wolfsburg.
Blick in die Giacometti-Ausstellung des Kunstmuseums Wolfsburg. Quelle: dpa
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Der Volkswagen-Konzern ist bemüht, neue Technologien und innovatives Design möglichst schnell in Produkte umzusetzen. Genauso hält es das Kunstmuseum Wolfsburg. In seiner James-Turrell-Ausstellung, die in diesem September mit einer Bilanz von 96 500 Besuchern zu Ende gegangen ist, hat es sich das Know-how für entgrenzt erscheinende, neblige Lichträume angeeignet. Jetzt begegnen uns in Wolfsburg in turrellartigen Sphären überraschend Meisterwerke der Klassischen Moderne, und zwar die hageren Existenzialismusmetaphern des Schweizer Bildhauers Alberto Giacometti (1901–1966).

Etwa 60 Skulpturen und 30 Gemälde aus der Hauptschaffensphase ab 1940 sind in ein Environment eingefügt, das virtuelle Züge trägt. Die Erinnerung an den Cyberspace ist gewollt. Die Ausstellungsmacher möchten nachweisen, dass Giacometti mit seiner Skulptur- und Raumauffassung ein Vordenker der Virtual Reality war. Seine bildhauerischen Werke seien in ihrer Kälteausstrahlung verwandt mit den „Cyberfiguren“. Sie befänden sich wie immaterielle Avatare in einem eigenen Raum.

Dass Giacomettis Gestalten, die der Schriftsteller und Philosoph Jean-Paul Sartre als schwankend zwischen „Erscheinungen“ und „Entschwindungen“ charakterisiert hat, wie dunkle Schatten wirken, die sich im Nebel verlieren, ist bekannt. Aber in den entmaterialisierten Lichträumen erscheint das Phantomhafte und Unbestimmbare der gedehnten, geschrumpften oder schreitenden Figuren noch einmal gesteigert.

Den Anfang macht eine Gruppe mit stehenden weiblichen Bronzefiguren auf einem lang gezogenen Podest, darunter ein „Akt ohne Arme“ von 1954 und die imposante „Frau auf dem Wagen“ von 1943/43 aus der Stuttgarter Staatsgalerie. Bei diesen wie auch anderen Figurentypen hat Giacometti ägyptische Vorläufer aufgegriffen.

Ein winziges Werk aus der Phase um 1940 hat in der Schau einen eigenen Raum bekommen. Museumsdirektor Markus Brüderlin, Landsmann Giacomettis, sagte am Donnerstag über diesen Raum: „In einer Fläche von 750 Kubikmetern finden sie nur 0,001 Kubikmeter Bronze. Es ist, als würden sie durch den Weltraum fliegen und nach Lichtjahren der Leere auf einen Felsbrocken stoßen.“

Während manche Skulptur des Schweizers in Wolfsburg auratisch aufgeladen erscheint wie ein Luxusartikel in einer Edelboutique (Freunde klassischer Skulpturenausstellungen dürften sich damit etwas schwertun), ist ausgerechnet „Der Schreitende“ lapidar in einem Durchgangsbereich präsentiert.

Ein Werk aus dieser Serie wurde Anfang 2010 bei Sotheby’s in London für die Rekordsumme von umgerechnet 74,2 Millionen Euro versteigert. Die mannshohe Giacometti-Figur war das teuerste je auf einer öffentlichen Auktion gehandelte Kunstwerk, bis im Mai dieses Jahres Picassos Gemälde „Nackte, grüne Blätter und Büste“ von 1932 diesen Rekord mit umgerechnet 82 Millionen Euro auch schon wieder brach.

Der Schweizer Kunstprofessor Beat Wyss, der den „Schreitenden“ wenig schmeichelhaft als „ägyptisierende Wandermumie“ bezeichnete, dachte damals in einem Beitrag für „Die Zeit“ über die Frage nach, wieso ausgerechnet ein Werk des „Hungerkünstlers“ (Giacometti gehört zum Typ des verkannten Künstlers, zeitlebens arbeitete er in einem kaum 25 Quadratmeter großen Atelier in Paris) in Zeiten der Wirtschaftskrise so gefragt sei. „Erlebt der Existenzialismus nun ausgerechnet auf dem Luxusmarkt der Kunst eine Wiederkehr? Ist Giacomettis Hungermensch vielleicht sogar das Inbild unserer Gegenwart?“

Tatsächlich konnte die hohe Summe erstaunen. Zwar waren Giacometti-Werke auf dem Markt durchgehend gefragt. Die Popularität des Künstlers lässt sich unter anderem daran ermessen, dass seine Werke zu den am häufigsten gefälschten zählen. Erst im Vorjahr wurden in Mainz 1000 gefälschte Giacometti-Werke sichergestellt. Gleichzeitig war der Künstler mit seinen Pathosformeln und dem authentischen Ausdruck während der Jahrzehnte der Spaßkunst und Pop-Moderne aber auch etwas aus der Mode geraten.

Im Kunstmuseum knüpft man jetzt nicht einfach wieder am Existenzialisten Giacometti an, sondern an der parallel zu dieser Deutung immer auch vorhandenen phänomenologischen Interpretation, und zwar im Anschluss an den Philosophen Maurice Merleau-Ponty. Statt Nachdenken über menschlichen Miserabilismus, transzendentale Obdachlosigkeit und radikales Geworfensein des schutzlosen Individuums in die Welt, befördert diese Ausstellung eher die Frage nach der menschlichen Wahrnehmung, ihren Grenzen sowie dem Gefüge von Raum und Zeit. Im Ausstellungstitel, „Der Ursprung des Raumes“, klingt das an.

James Turrell sieht in den entgrenzten Lichträumen, die jetzt in Wolfsburg Giacometti ganz neu strahlen lassen, sein Copyright offenbar nicht verletzt. Jedenfalls findet sich eines seiner Lichtwerke in die Ausstellung integriert: ein in leuchtenden Regenbogenfarben changierender LED-Raum, der Giacometti-Werke pink und bläulich einfärbt.

Kunstmuseum Wolfsburg, 20. November bis 6. März 2011. Katalog erscheint im Dezember.

Johanna Di Blasi 19.11.2010
19.11.2010