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Kultur Kunstschau mit Yoko Ono in Frankfurt
Nachrichten Kultur Kunstschau mit Yoko Ono in Frankfurt
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19:43 14.02.2013
Abstand, bitte! Yoko Ono posiert in Frankfurt hinter einer Absperrung vor Fotografen. Nicht anfassen gilt auch für die Leiter, auf der John Lennon Ono einst kennenlernte. afp
Abstand, bitte! Yoko Ono posiert in Frankfurt hinter einer Absperrung vor Fotografen. Nicht anfassen gilt auch für die Leiter, auf der John Lennon Ono einst kennenlernte. Quelle: Roland
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Frankfurt

Imagine all the people.“ Die Friedens- und Liebesballade von John Lennon von 1971 träufelt aus dem Bahnhofscaféradio. Die Gäste nippen an Heißgetränken. Leuchtreklameboxen bewerben Blumensträuße, es ist Valentinstag. Unweit, am Frankfurter Römerberg, in der Schirn Kunsthalle, fordert die Lennon-Witwe Yoko Ono die versammelte Presse von Print, Radio und Fernsehen mit cremeweicher mädchenheller Stimme auf, einander zu lieben und in die Arme zu fallen, vielleicht auch gemeinsam zu weinen. Sie scheint nicht wirklich damit zu rechnen, dass das geschieht, aber zu hoffen, dass die Leute es sich zumindest vorstellen können.

Yoko Ono selber kann sich kaum vorstellen, schon achtzig zu werden - und man sieht es ihr auch nicht an. Die Zeit scheint in den zurückliegenden zwanzig, dreißig Jahren fast spurlos an der Japanerin aus reichem Tokioter Hause vorübergezogen zu sein. Ein schwarzer Hipster-Hut sitzt in kesser Schieflage auf ihrem dunklen Haarschopf. Sie lächelt den Museumsdirektor an, die Kuratorin, die versammelte Presse, und lugt mit neugierigen Augen über den dunklen Brillenrand.

Es sei die „bisher umfassendste Werkpräsentation Yoko Onos in Europa“, sagt der Museumsdirektor Max Hollein. Viele Werke seien schwer auszustellen, weil „ephemer, partizipativ, experimentell“. Ono-Werke bestehen beispielsweise in der Aufforderung, so lange in die Sonne zu blicken, bis diese quadratisch wird. Oder darin, in einer Vollmondnacht eine Leinwand in den Garten zu legen und, nachdem die Morgensonne rosa auf das Tuch gefallen ist, dieses in den Mülleimer zu werfen.

Eine gläserne Drehtür gewährt nur scheinbar Zutritt in die Retrospektive mit dem poetischen Titel „Half-A-Wind Show“. Die Tür führt bloß im Kreis herum, durch einen wasserblauen Perlenvorhang aber kann man eintreten. In südlichen Ländern heißen solche Vorhänge auch Fliegenvorhänge, sie halten Fliegen ab - glücklicherweise aber nicht das Publikum.

Die weiße Leiter aus „Ceiling Painting“ von 1966 ist inzwischen ein Memorial einer großen Liebe. Man darf sie nicht mehr betreten. Hier ist John Lennon emporgestiegen, an dem Tag, als er Yoko Ono in einer Londoner Galerie begegnete, und las mit einer Lupe das winzige Wörtchen „Yes“ am Plafond. Wenig später, die beiden machten Flitterwochen, demonstrierten Yoko Ono und John Lennon in einem Amsterdamer Hotelbett für Weltfrieden und die Beendigung des Vietnam-Krieges („Bed-In for Peace“). So cool und zugleich kuschelig wurde davor und danach nicht mehr für Frieden demonstriert.

Im berühmten „Fly“-Piece von Yoko Ono, einem minimalistischen Video von 1970, krabbeln zuckerwassertrunkene Fliegen über den Körper eines nackten Mädchens. Sie kriechen in die Handhöhle, ins Ohr und erkunden die Brustwarze. In nur einer Nacht drehte Yoko Ono dieses kleine Video. Als die Fliegen zwischendurch durchgebrannt waren, mussten ihre Mitarbeiter in der Stadt neue auflesen.

Das jüngste Werk der rund 200 Werke versammelnden Ausstellung stammt von 2013. Es macht „ring-ring“. „Nimm den Hörer ab, wenn es klingelt“, lautet eine Anweisung, aber nirgends ist ein Telefon zu sehen. Wie bei anderen Fluxus-Künstlern mischen sich auch bei Yoko Ono Tiefgründiges und Seichtes, Ernstes und Bloß-Witziges. Vieles, zum Beispiel die legendäre „Cut Piece“-Performance - die Künstlerin ließ sich vom Publikum die Kleider vom Leib schneiden -, ist nur mittelbar präsent, durch Dokumentation. Gleichwohl bietet „Half-A-Wind“ einen reichen Fundus suggestiver Werke.

Ihren 80. Geburtstag am 18. Februar feiert die Künstlerin, die auch eine eigenwillige Stimmvirtuosin ist, übrigens nicht in New York, sondern in Berlin. Sie gibt am Sonntag in der Volksbühne eines ihrer raren Konzerte, gemeinsam mit Sean, dem Sohn aus der Verbindung mit John Lennon.

Yoko Ono: „Half-A-Wind Show. Eine Retrospektive“. Schirn Kunsthalle Frankfurt, Römerberg, 15. Februar bis 12. Mai, dienstags sowie freitags bis sonntags 10 bis 19 Uhr, mittwochs und donnerstags 10 bis 22 Uhr, Katalog 29,80 Euro.