Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Kunstverein Hannover inszeniert kontrastreichen Schau
Nachrichten Kultur Kunstverein Hannover inszeniert kontrastreichen Schau
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:38 15.02.2013
Inspiriert vom Kalten Krieg und der Agententätigkeit eines russischen Spions: Fabian Reimann, einer der drei Stipendiaten in der aktuellen Ausstellung des hannoverschen Kunstvereins in der Sophienstraße.
Inspiriert vom Kalten Krieg und der Agententätigkeit eines russischen Spions: Fabian Reimann, einer der drei Stipendiaten in der aktuellen Ausstellung des hannoverschen Kunstvereins in der Sophienstraße. Quelle: Mast
Anzeige
Hannover

Und nicht nur, weil sich hier mit Fotografie, Videokunst, Malerei und Installation die spannende Bandbreite medialer Möglichkeiten auftut, sondern vor allem, weil der Parcours klug und kontrastreich inszeniert ist, kann dem Besucher beim Rundgang heiß und kalt werden. Gänsehaut nicht ausgeschlossen.

Samuel Hennes‘ Fotoserien untersuchen das delikate Wechselverhältnis zwischen Skulptur und Fotografie. Mit dem Scanner hat er präzise gefaltetes Pergamentpapier auf monochromen Hintergründen aufgenommen, mit einem bildgebenden Verfahren also, das für plane Flächen prädestiniert ist. Doch wie sich hier die Plastizität der Faltungen abhebt, sodass man kaum mehr zwischen Bild und Relief zu unterscheiden vermag, ist atemberaubend. Das Vexierspiel von flächiger und räumlicher Wirkung setzt sich in der Serie „Something specific about everything“ fort. Banale Alltagsgegenstände – Wäscheklammern, Plastikbecher, Strohhalme oder Malerrollen – hat Henne zu surreal anmutenden Objekten kombiniert. Schattenlos fotografiert verlieren sie aus der Entfernung ihre skulpturale Qualität, wirken wie grafische Werke. Weil der Künstler ihre makellosen Pastelltöne in den Raum erweitert, dessen Wände farbig gestrichen sind, verwandelt sich der Saal zum Gesamtkunstwerk von erheblichem Schauwert.

In seinen jüngsten Arbeiten setzt er die Untersuchung fotografischer Repräsentanz mit fächerartig arrangierten Bildbänden der Kunstgeschichte fort. Deren Seiten sind zur Falz hin eingeschlagen und geben den Blick auf Fragmente plastischer Arbeiten von Brancusi, Rodin oder Picasso frei. Die Verwandlung der Skulpturen in Bild und Buch und zurück in skulpturale Objekte, die über die Fotografie erneut zum Bild werden, verleitet den Betrachter zur Spurensuche.

Die Kunst schöpft immer schon aus der Kunst und manchmal auch aus dem Leben. Anahita Razmi, Tochter eines iranischen Vaters und in Deutschland aufgewachsen, zitiert legendäre Künstlerinnen und bereichert deren Arbeiten durch reine Kontextverschiebung. Die Performance „Roof Piece“, die Trisha Brown 1973 auf den Dächern New Yorks initiierte, verlagert Razmi 2011 auf Dächer der iranischen Hauptstadt Teheran. Zwölf Monitore dokumentieren im Kunstverein Hannover die Bewegungen der zwölf Tänzer, die ihre Choreografie – nach dem Prinzip „Stille Post“ – von einem zum anderen weitergeben. Unter einem Regime, das Tanz jenseits der Folklore verbietet, wird die Performance zur politischen Botschaft, zum Akt des Widerstands.

Ebenso subversiv geht Anahita Razmi mit ihrer Arbeit „Frequently Asked Questions“ vor. Ist das Rasieren des Bartes eine Sünde? Können wir Musik hören? Darf eine Frau ihre Augenbrauen zupfen? Die Fragen, die auf den ersten Blick absurd erscheinen, hat die Künstlerin der Internetseite des Ayatollah Chamenei entlehnt, des religiösen Führers der Islamischen Republik Iran. Statt Antworten zu geben, illustriert sie die Anliegen mit Selbstporträts auf großformatigen Postern, in denen sie die Handlungen nachstellt. Parodie, Groteske und was dann? Spätestens hier stellt sich beim Betrachter Gänsehaut ein.

Dem Thrill und der Finalspannung verweigert sich Fabian Reimann. Politisch konnotiert ist seine Arbeit trotzdem. Seit vier Jahren beschäftigt er sich mit dem Kalten Krieg und der Agententätigkeit des russischen Spions Rudolf Abel. Der tarnte seine Spionage in den USA mit einem Künstlerdasein in Brooklyn. Seine Gemälde, die nach der Enttarnung 1957 beim FBI auf Geheiminformationen untersucht wurden, hat Reimann kopiert und dann ebenfalls durchleuchtet. Röntgenbilder übersetzt er in geheimnisvolle Gemälde, die keinerlei Indizien liefern. Auch die Orte, an denen Abel seine Geheimbotschaften hinterließ, hat Reimann in New York aufgesucht. In kreisförmigen Detailaufnahmen, einem Türspion nachempfunden, verfremdet der Künstler die authentischen Orte, übersetzt sie in grafische Zeichen. Er erzählt keine Geschichten. Wahrheit und Fiktion spiegeln einander. Seine Kunst bleibt ein Code, den der Betrachter entschlüsseln muss.

In Reimanns Katalog, der als Materialsammlung zugleich der Entschlüsselung seiner Werke dient, formuliert die amerikanische Autorin Louise Bernikow die Tätigkeit des Spions als existenzielle Beschäftigung: „Warten, beobachten, bereit sein, berichten.“ Das liest sich wie ein Künstlerprofil. Und gilt doch auch für den Ausstellungsbesucher.

Bis 31. März im Kunstverein Hannover. Eröffnung am Freitag, 15. Februar, um 20 Uhr.

Kuratorin Ute Stuffer führt am Mittwoch, 20. März, um 19 Uhr ein Gespräch mit den drei Künstlern.

Kristina Tieke

Kultur Berlinale zeigt „Dark Blood" - River Phoenix kehrt auf die Leinwand zurück
Stefan Stosch 15.02.2013