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Kultur Kunstverein Hannover präsentiert neue Ausstellung
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18:53 05.09.2013
Grenzgänger: Der Künstler Murat Gök hat seine Hängematte 2010 genau auf der Grenze von Syrien zu der Türkei gespannt.
Grenzgänger: Der Künstler Murat Gök hat seine Hängematte 2010 genau auf der Grenze von Syrien zu der Türkei gespannt. Quelle: Gök
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Hannover

Da liegt er im Sonnenschein. In einer Hängematte. Sein Gesicht ist uns zugewandt, die Arme sind hinter dem Kopf verschränkt, die Augen wie zum Tagtraum geschlossen. Der junge türkische Künstler Murat Gök inszeniert sich für seine Fotoarbeit „Hammock“ aus dem Jahr 2010 in einer Haltung des inneren Friedens und des Vertrauens in die äußere Welt. Dabei ist das lässige Selbstporträt von bitterer Brisanz. Gök hat sein Netz zwischen die Pfosten eines hohen Maschendrahtzauns gespannt, auf eben jener Grenze zwischen dem bürgerkriegszerrütteten Syrien und der Türkei, die in den Fokus der internationalen Politik gerückt ist. Ein Bild wie dieses lässt sich heute nicht mehr realisieren.

Es gehört zu den Eigenarten der Ausstellung „Zeichen, gefangen im Wunder“, mit der sich der Kunstverein Hannover „Auf der Suche nach Istanbul heute“ befindet, dass die aktuellen politischen Krisen unseren Blick auf die Exponate empfindlich verändern. Als die Schau Anfang des Jahres im Wiener Museum für angewandte Kunst zu sehen war, mag das Interesse an der Kunstszene der türkischen Metropole im Mittelpunkt gestanden haben und das Staunen über den Reichtum einer Kultur, die von orientalischen, asiatischen und europäischen Einflüssen geprägt ist. Mittlerweile bestimmen das Wissen um den Aufstand gegen die Regierung Erdogan, die brutale Niederschlagung der Proteste und der dramatische Syrien-Konflikt unsere Wahrnehmung. Das muss nicht hinderlich sein. Im Gegenteil. Wir sind extrem sensibilisiert.

Enigmatische Zeichen, touristische Sehnsucht befriedigen

Die Ausstellung macht es dem Publikum leicht, einen Zugang zu finden. Denn unter den 23 Teilnehmern, die zur Momentaufnahme der Türkei und ihrer Metropole beitragen, gehören auch internationale Künstler, die sich als Fremde annähern. Der deutsche Videopionier Marcel Odenbach etwa dokumentiert in seinem Film „Männergeschichten 1“ den Alltag im Laden eines Barbiers und gibt uns Gelegenheit, die Bilder zu überprüfen, die wir von männlichen Ritualen im Kopf haben. Auch die pakistanische Künstlerin Hamra Abbas konfrontiert uns mit Klischees und Ressentiments, deren Existenz uns nicht immer bewusst ist. In ihrer Fotoserie „Cityscapes“ (2010) hat sie alle Minarette aus der Skyline von Istanbul entfernt. Fragen nach dem Symbolgehalt der Bauwerke, die als enigmatische Zeichen die touristische Sehnsucht nach Exotik befriedigen und zugleich an verdrängte Ängste erinnern, wie sie das Schweizer Minarett-Verbot offenbart, drängen sich auf.

Die Videoarbeit „Tahribad-i syan: Wonderland“, mit der der vielseitige Künstler und Kurator Halil Altindere zugleich auf der bevorstehenden 13. Istanbul Biennale vertreten sein wird, bleibt dagegen nicht auf Distanz, sondern führt mitten hinein in das historische Viertel Sulukule. Hier hatte schon vor Monaten die radikale Vertreibung der angestammten Bevölkerung für ein ehrgeiziges Stadtentwicklungsprojekt zu Widerständen geführt. Altindere erobert den Raum künstlerisch zurück. Mit einer jugendlichen Rapper-Gang setzt er Auflehnung und Gewalt spektakulär in Szene. Es wirkt unheimlich, wie Altindere die politische Sprengkraft der Stadtplanung erfasst, noch bevor die Abholzung des Gezi-Parks die Revolte tatsächlich entzündete.

Traumatisches und Traumhaftes greifen in vielen Arbeiten dieser Ausstellung ineinander. Das trifft auf die politischen Werke von Altindere und Gök ebenso zu wie auf die poetischen Positionen, die im zentralen Oberlichtsaal eine phantastische Atmosphäre beschwören. Der mit einem Schmetterlingsmotiv filigran bestickte Gazestoff der 1938 geborenen Füsun Onur, die zur feministischen Avantgarde der Türkei zählt, wirft mehrfach beunruhigende Schatten. Auch der großformatige Teppich von Cevdet Erek, Jahrgang 1974, stimuliert die Imagination. Wer über seinen „SSS / Shore Scene Soundtrack“ mit gleitenden Handbewegungen streicht, kann den beruhigenden Klang des rauschenden Meeres vernehmen oder abtauchen in eine gespenstisch aufgeladene Welt von Geräuschen.

Doch schließlich sind es die gesellschaftlich konnotierten Arbeiten, die den stärksten Eindruck hinterlassen und den Besucher lange begleiten. Eins der schönsten Werke wartet am Ausgang. Cengiz Tekin zeigt in seiner Fotografie „Peace“ das leere Fußballstadion seiner Heimatstadt Diyarbakir, in dessen Mittelkreis er subtil das Friedenszeichen implantiert hat. Die Botschaft bleibt ambivalent. Zwar fehlt hier die Konfrontation, der Kampf der Kontrahenten, doch auch die Ränge bleiben leer. Ein Zustand des Friedens, so scheint es, ist mit den Menschen nicht zu erreichen.

„Zeichen, gefangen im Wunder. Auf der Suche nach Istanbul heute“. Bis zum 10. November im Kunstverein Hannover. Eröffnung Freitag um 20 Uhr.

von Kristian Tieke

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