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21:47 09.01.2014
Wie man Blinde lesend zeigt – für „If I don’t see, I am blind, I am blind“ (oben) kombinieren Christoph Girardet (unten links) und Matthias Müller Filmstills.
Wie man Blinde lesend zeigt – für „If I don’t see, I am blind, I am blind“ (oben) kombinieren Christoph Girardet (unten links) und Matthias Müller Filmstills. Quelle: Kunstverein/Kostyrko
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Hannover

Drei Lokomotiven donnern auf drei Tunnel zu. Drei Waggonkupplungen vibrieren nebeneinander. Drei Passagiere klettern trotz rasanter Fahrt auf drei Zugdächer. Und bei diesem Dreier-Prinzip bleibt es im Film „Locomotive“. Der besteht nur aus altem Filmmaterial, ringt dieser „Found Footage“ aber durch die Montage völlig neue Perspektiven ab. Die ergeben sich hier schon durchs ungewöhnliche Format: Die Parallelprojektion dreier Filmszenen nebeneinander bewirkt einen jedes Cinemascope überschreitenden Panoramaeffekt. Vor allem aber lenkt die Kombination ähnlicher Szenen den Blick von den Plots der Filme auf deren Bauweise, aufs filmische Erzählen und auf die Frage, ob unsere Sehweisen immer noch am stärksten durch die Wirklichkeit geprägt sind - oder längst eher durch deren Darstellung im Film. Fast beiläufig und ganz ohne Zeigefinger entsteht so eine Schule des Sehens, mit sinnlichem Genuss und intellektuellem Anreiz zugleich.

„Locomotive“ ist eines von vielen Beispielen für die Kooperation zweier Künstler, des in Hannover und darüber hinaus durchaus prominenten Christoph Girardet und des hier nicht ganz so bekannten Matthias Müller. Nicht ganz so bekannt ist bisher auch, dass die beiden neben ihren Einzelarbeiten seit 1998 gemeinsam alte Filmschnipsel neu kombinieren - und damit beim Betrachter nach anfänglicher Verdutzung meist Begeisterung über den daraus entstehenden Seh- und Denkgenuss hervorrufen.

Doch jetzt gibt es auch dafür neue Aufmerksamkeit: mit „Tell Me What You See“, der ersten Überblicksausstellung über die gemeinsame Arbeit der beiden Künstler, die am Freitagabend eröffnet wird - und zwar im hannoverschen Kunstverein. Doch wollen Filmkünstler nicht lieber große Leinwände als kleine Ausstellungsmonitore für ihre Werke? Man sollte die Potenziale des Kunstvereins nicht unterschätzen. Zwar werden einige Werke des Künstlerduos bei einem Filmabend im Kino im Künstlerhaus gezeigt. Aber große Projektionen gibt es auch im Obergeschoss: „Cuts“, die 2013 fertiggestellte jüngste Arbeit der beiden, ist auf vier mal fünf Metern Fläche zu sehen. Und „Meteor“ wird sogar auf 40 Quadratmetern Leinwand projiziert. Ganz großes Kino also. Vor allem aber: ganz intelligentes.

Dass „Meteor“ auf fünf mal acht Metern Fläche flimmert, ist dem Gegenstand durchaus angemessen. Denn schließlich geht es um galaktische Dimensionen: Der 15-Minuten-Streifen kombiniert Szenen von träumenden Jungen und Science-Fiction-Filmen und greift dabei historisch weit ausholend ins Schwarz-Weiß-Zeitalter zurück. „Dahinter steckt auch meine frühe Vorliebe für Science-Fiction“, räumt Girardet ein - und wer die Ausschnitte sowjetischer und amerikanischer Science- Fictions sieht, weiß, dass dies eine sehr frühe Liebe des 47-jährigen Künstlers gewesen sein muss. „Die sowjetischen Raketen landeten eher in einer grauen Welt, die amerikanischen meist vor Blondinen im Minirock.“ Längst hat sich das Duo bei seiner Kooperation eine sehr effiziente Arbeitsweise angewöhnt. „Wir sichten die Filmausschnitte getrennt, aber wir treffen die Entscheidungen über die Montage gemeinsam.“ Immerhin wurden allein für „Locomotive“ mehr als 1000 Stellen aus mehr als 500 Filmen gesichtet - von denen 200 verwendet wurden. Solche Mühsal lässt ahnen: Wer seit 15 Jahren „Found Footage“ montiert, muss schon eine leidenschaftliche Liebe zum Film hegen. Hat sich Girardet irgendwann einmal nicht für Film interessiert? „Schon oft“, antwortet er lachend und deutet damit an, dass er die Augenblicke solchen Desinteresses vielleicht sogar noch aufzählen könnte. „Ich stamme aus einem protestantischen Pastorenelternhaus - da waren Bilder eher tabu“, sagt der 52-jährige Matthias Müller auf dieselbe Frage. „Aber als Teenager habe ich mich dann gleich für den filmischen Underground begeistert.“

Untergründig geht es in vielen Filmen der beiden zu: „Cuts“ etwa dreht sich um Schnitte - nicht nur Filmschnitte, sondern auch Verletzungen oder Operationsnarben, montiert werden da Bilder von Schmerz und Zerstörung. Und immer wieder widmen sich die beiden der filmischen Visualisierung von Unsichtbarkeit. „Contre-Jour“ (2009) ist ein Filmessay über das Licht, das Dunkles sichtbar werden oder durch Überbelichtung im Weiß verschwinden lässt. „Maybe Siam“ (2010) kombiniert Spielfilmsequenzen, in denen Blinde gespielt werden - und reicht dabei die Tonspur zeitversetzt unter Schwarzfilm nach, um die nur durch Geräusche geprägte Dunkelheit für die Zuschauer erfahrbar zu machen. Für „If I don’t see, I am blind, I am blind“ (2010) hat das Duo Filmstills von lesenden Blinden kombiniert - nämlich von Händen, die Blindenschrift entziffern. Und falls es den beiden mal an Zuspruch fehlt, könnten sie sich einfach ihre Montage „Play“ anschauen, die lauter Publikumsreaktionen aus Spielfilmen montiert - darunter minutenlang Applaus in allen Lebenslagen.

Aber unter solchem Mangel leiden die zwei gar nicht. Kunstvereinsdirektor René Zechlin gibt es nach der Aufzählung von einem halben Dutzend Kunstpreisen auf, die ganze, drei Seiten lange Liste solcher Ehrungen für Girardet und Müller zu verlesen, und resümiert: „Die haben da offenbar so’n Abo.“ Zu Recht.

„Christoph Girardet & Matthias Müller: Tell Me What You See“. Kunstverein, bis 16. März, Eröffnung Freitag, 20 Uhr, im Künstlerhaus. Ein Filmabend „Found Footage und andere Fundstücke“ im Beisein der Künstler findet am 22. Februar um 20.15 Uhr im Kino im Künstlerhaus statt.

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