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07:59 19.08.2014
Frau, Mann, Drama – diesmal nur mikro. Quelle: Kunstverein Langenhagen
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Langenhagen

Einerseits – andererseits. Schon schön, wenn ein Mann, der gerade seinen
 40. Geburtstag feiert, sich der Zuneigung einer 21-jährigen, hübschen Frau erfreut. Die ist außerdem prima spontan und locker, denkt an heute und macht sich nicht ständig Sorgen um morgen, wie seine frühere Freundin im eigenen Alter.

Wenn nur der Stress nicht wäre, dass man ihr immer so viel erklären muss. Zum Beispiel, wer Martin Kippenberger ist und warum seine künstlerischen Werke so wichtig sind. Lehrer möchte man in so einer Beziehung ja auch nicht dauernd sein. So klagt der Mann, während er mit einer wieder anderen Frau, einer früheren Geliebten, zusammen im Bett liegt.

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Deren Rolle, in der sie ganz wunderbar präsent ist, hat die Autorin und Regisseurin dieses Videofilms, „Mikrodrama 11“ (Teil 1), selbst übernommen. Kerstin Cmelka, 1974 in Österreich geboren, inzwischen in Berlin lebend und mit einer Ausstellungsvita, die sich sehen lassen kann. Auch Cmelka ist wieder eines jener Schwergewichte der Kunst, mit denen der Kunstverein Langenhagen inzwischen ziemlich regelmäßig beglückt.

Nachdem Kerstin Cmelka in der Rolle der Frau das Lamentieren des neben ihr liegenden Mannes geduldig und in Maßen verständnisvoll hat über sich ergehen lassen, versucht sie, ihn für ein Buch zu interessieren, das sie mit Begeisterung gelesen hat. Darin geht es um Initiationsriten. Nur der Mensch, der sich ihnen mit Erfolg unterzieht, wird wirklich erwachsen. Doch während die Frau dem Mann voll Leidenschaft von diesen Riten berichtet, kämpft er gegen die Müdigkeit an und schläft immer wieder ein. Im Grunde interessiert es ihn einen Dreck, was sie ihm da erzählt.

Das ist witzig und mitreißend gefilmt und dargestellt – und andererseits auch todtraurig. Es ist das eigentliche Zentrum und Thema der sehenswerten Ausstellung: Die in unserer Gesellschaft weit verbreitete Verweigerung, erwachsen zu werden. Viele wollen einfach nicht alt werden und für sich und andere Verantwortung übernehmen. Das erscheint ihnen langweilig und ohne Charme.

Und oft genug ist es das ja auch. Daher schaut Kerstin Cmelka in diesem und noch zwei weiteren kurzen Filmen, alle aus dem Jahr 2014, mit großer Nachsicht, zärtlicher Ironie und völlig ohne jedes plakative Moralisieren auf ihre Protagonisten – und auf sich selbst. Wenn sie in einem zweiten Teil der Ausstellung alte Jugendbilder von Freunden und Bekannten so abfotografiert hat, dass sie nun alle wie Helden und Filmstars ausschauen, wird das unübersehbar deutlich.

Die Künstlerin weiß, um nicht alt zu werden, hilft letztlich nur eines: früh zu sterben. In einem anderen der drei Filme – im Grunde ist es nur eine kurze Szene zwischen Film noir und Slapstick – liegt Kerstin Cmelka als wunderschöne Leiche auf einem Teppich. Zwei Männer rollen sie darin ein und tragen sie weg, während sie dabei Witze über die Frau machen. Dann doch lieber noch ein bisschen älter werden!

Kerstin Cmelka „Mikrodrama 11“: Bis zum
 12. Oktober im Kunstverein Langenhagen, Walsroderstraße 91 a.

von Michael Stoeber

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