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Nachrichten Kultur Kunstverein Wiesbaden lässt Besucher Burka tragen
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18:25 22.11.2012
Der Künstler Naneci Yurdagül thematisiert im Rahmen der Ausstellung „Burqoui" Aspekte der religiösen, persönlichen und gesellschaftlichen Identität. Dazu sollen Besucher der Ausstellung eine Burka tragen. Quelle: dpa
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Wiesbaden

Lothar Leber ist ein Mann. Männer tragen keine Burka – nie. Nicht in Afghanistan, in Saudi Arabien auch nicht und erst recht nicht in Wiesbaden. Doch der 65-Jährige hat keine Wahl. Für die Ausstellung „Burquoi“ – eine Kunstwort aus Burka und dem französischen Wort für „warum“ – in Wiesbaden stülpt er einen blauen muslimischen Ganzkörperschleier über seinen Körper. Wie sich das anfühlt? „Blöd. Das ist kein positives Gefühl“, sagt Leber. Vorsichtig tastet er sich einige Schritte vorwärts. Viel zu sehen scheint er nicht.

Kunstinteressierte unter Burkas – was soll das? Ausgedacht hat sich dieses Konzept der Frankfurter Künstler und Städel-Meisterschüler Naneci Yurdagül. „Wie ist das eigentlich, eine Burka anzuziehen“, hatte sich der Künstler (Jahrgang 1979) im Vorfeld gefragt. In vier überschaubaren Räumen des Nassauischen Kunstvereines sind bis 16. Dezember 2012 etwa 10 Kunstwerke zu sehen – für Ungeübte in einer Burka gar nicht so einfach. Die Exponate tragen Titel wie „Platten Cover“, Porträts auf Schallplatten, die nachträglich mit Tüll verschleiert wurden, oder „Religious Hangover“: Einweg-Kleiderbügel behängt mit islamischen Gebetsketten.

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Der verschleierte Besucher ist Teil der Ausstellung. Das führt zu Verwirrung. „Ich komme mir fremd vor mir selbst vor“, sagt Lebers Ehefrau Cornelia. Unentwegt zupft sie ihre Burka zurecht. „Es ist so warm“, klagt sie. Beim Treppensteigen muss sie den Stoff anheben, um die Stufen sehen zu können. In der Installation „19 Doors to hell“ (19 Türen zur Hölle), eine Installation aus 19 teils gegenüberliegenden Spiegeln, betrachtet sich Cornelia Leber lange selbst – und sieht sich doch nicht. „Das war sehr befremdlich.“ Mit der Handykamera macht sie ein Erinnerungsfoto für ihre Kinder. Die Mutter als verhüllte Muslima – das ist ein Aufreger.

Der Künstler Yurdagül will mit seinem Mitmach-Projekt einen neuen Blickwinkel auf das bestehende Burka-Bild bieten. „Der Besucher soll endlich einmal fühlen können, über was er sonst nur redet.“ Er wollte selbst einen neuen Standpunkt gegenüber einer fremden Kultur finden, sagt er. Yurdagül ist in Deutschland bei Adoptiveltern aufgewachsen und ist getauft. Er hat türkisch-syrische Wurzeln. Hintersinnig und ironisch reflektiere Naneci Yurdagül in seiner Arbeit „gesellschaftliche, soziale und politische Gegebenheiten und deren Wandel, die immer auch Spuren seiner eigenen Biographie sind“, heißt es in der Ankündigung des Kunstvereins.

Bisher hätten nur zwei Besucher die Burka verweigert, verrät Kuratorin Sara Stehr. Besonders männliche Besucher seien anfangs überrascht: „Muss ich das auch?“, fragen sie dann. Wie man sich unter der Burka verhält, steht dem Besucher völlig frei. Es wird geknutscht, geknipst und gekichert.

Plötzlich ruft eine Frauenstimme vom Band zum Gebet. „Das dürfen Frauen im Islam eigentlich gar nicht“, erklärt Yurdagül. Der Tabubruch vermittele ein Gefühl dafür, dass andere Religionen andere Regeln haben. Lothar Leber steht vor der Installation „Who is Watching Allah“. Doch er erkennt den hellen Schriftzug auf der weißen Wand kaum. Das engmaschige Sichtfenster macht Probleme. „Das schränkt nicht nur die Bewegung, sondern auch meine Sicht auf die Welt ein“, murrt Leber.

Leber ist froh, als er wieder aus seiner Burka schlüpft. „Ich habe ein gesellschaftspolitisches Problem damit“, sagt er. Von Yurdagüls Konzept ist er trotzdem begeistert. „Wenn man die Leute animiert, eine Burka anzuziehen, müssen sie sich mit dem Thema auseinandersetzen.“ Ob ihm seine Frau in Burka gefalle? „Das möchte ich bei diesem einen Mal belassen.“

dpa

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