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00:15 06.12.2013
Die französische Installationskünstlerin Laure Prouvost (links) ist mit dem Turner Prize für ihr Werk  'Wanteer' ausgezeichnet worden. Glückwüsnche kamen zuerst von der irischen Schauspielerin Saoirse Ronan. Quelle: dpa
London/Londonderry

Am größten war die Überraschung für die Gewinnerin selbst. Bei der Preisverkündigung Montagabend im nordirischen Derry sank die französische Installations- und Videokünstlerin Laure Prouvost tief in den Sessel und hielt den Mund weit offen. „Ich war sicher, dass nicht ich gewinnen würde“, sagte die Künstlerin, die sich in der Tradition des hannoverschen Dadaisten Kurt Schwitters sieht.

Unter den diesjährigen Nominierten hatte die 35-Jährige eine Außenseiterposition inne. Als Favoriten galten der Deutsch-Brite Tino Sehgal und der Schotte David Shrigley. Die Newcomerin Prouvost überzeugte die Juroren mit einer Installation, in der sie Besucher zu einem Teekränzchen ins fiktiven Haus ihrer Großeltern einlädt. „Wir haben uns für dieses Werk entschieden, weil es uns sehr bewegt und berührt hat“, heißt es in der Begründung. Auch der „Reichtum der Texturen“ wurde gelobt und die Verbindung von Handgemachtem und neuer Technologie.

Mit dem Titel „Wantee“ spielt Prouvost auf Kurt Schwitters Lebenspartnerin Edith Thomas an. Schwitters nannte sie „Wantee“, weil sie gewohnheitsmäßig „Want tea?“ gefragt haben soll. Räume wie aus einem rustikalen Bauernhaus oder der Welt des verrückten Hutmachers aus „Alice im Wunderland“ sind vollgekramt mit altmodischem Teegeschirr, Erinnungsstücken und Horror-Accessoires wie losen Augäpfeln.

In der Installation geht es um ambivalente Erinnerungen, aber auch um die Konstruktion einer künstlerischen Biografie. Prouvost erfindet sich einen Großvater, der mit Kurt Schwitters eng befreundet gewesen sein soll und der vom Wohnzimmer durch einen Tunnel direkt nach Afrika zu gelangen hoffte. Ihre Großmutter lässt die Künstlerin in einem eingespielten Video von Diskobesuchen, Motorradfahrten und dem Braten von Spiegeleiern auf Laptops träumen.

Das Werk war zum ersten Mal im Rahmen der viel beachteten Ausstellung „Schwitters in Britain“ (Anfang 2013 in London, danach im Sprengel Museum Hannover) zu sehen. Die Tate hatte Prouvost und den Künstler Adam Chodzko gezielt eingeladen, um Schwitters Spuren im Lake District zu folgen und auf dieser Grundlage zeitgenössische Antworten zu entwickeln.

In einem Interview sagt Prouvost, an Schwitters habe sie vor allem jene Seite interessiert, die oft ignoriert worden sei: seine konventionelle Porträtmalerei. Auch der Frage, wer seine Auftraggeber gewesen sind und wie viel diese für Bilder bezahlt haben, ist die Künstlerin bei ihren Recherchen für „Wantee“ nachgegangen. Das romantische Bild des Künstlers, der „nicht dazugehört, nicht in eine Gruppe passt und nicht akzeptiert wird“, hat sie beschäftigt.

Damit ist es für sie selbst jetzt mit der Entgegennahme des Turner Preises wohl vorbei. Die in London lebende und mit einem Briten liierte Künstlerin reiht sich in eine illustre Preisträgerliste ein, mit prominente Namen wie Damien Hirst oder Anish Kapoor. Ganz neu erscheint die Idee einer fiktiven Tour durchs Elternhaus allerdings nicht. Ähnliches realisierte der deutsche Künstler Gregor Schneider bereits mit seinem „Totes Haus Ur“ 2011 auf der Venedig-Biennale. Ausufernde Erinnerungsinstallationen kennt man auch von Prouvosts Landsfrau Annette Messager. Die humoristisch-fiktive Konstruktion seiner eigenen Künstlerbiografie schließlich praktiziert der Russe Ilya Kabakov schon seit Jahrzehnten.

Mehr Potenzial als die brav wirkende dadaistsiche Spurensuche Prouvosts hat die Interaktionskunst von Tino Sehgal. In Derry zeigte er eine Show, bei der Besucher ermuntert wurden, mit Angestellten der South Bank’s Hayward Gallery über Marktmacht zu debattieren. Für besonders gute Argumente gab es ein Pfund Belohnung.
Der ebenfalls unterlegene David Shrigley versuchte indes glücklos an die alte Tradition der britischen Skandalkunst anzuknüpfen: mit einer Skulptur, die gelegentlich in einen Eimer pinkelt. Der mit umgerechnet 30 200 Euro dotierte Turner Preis ist einer der wichtigsten Kunstpreise der Welt. Der 1984 gegründete und nach dem Maler William Turner benannte Preis geht an Künstler, die aus England stammen oder dort leben. In den britischen Medien gilt die aktuelle Preisträgerin als durchaus würdig – aber auch als Indiz dafür, dass der Preis etwas langweilig geworden ist.

Von Johanna di Blasi

Laure Prouvost

Laure Prouvost wurde 1978 in Lille in Frankreich geboren. Seit vielen Jahren arbeitet sie in London und lebt dort mit ihrem britischen Freund und ihrer kleinen Tochter. Von 1999 bis 2002 studierte sie am renommierten Central St Martins College in London, von 2007 an setzte sie ihre Ausbildung drei Jahre lang am Goldsmiths College fort. Prouvost, die als Kind nach eigenen Angaben nie Fernsehen schauen durfte, präsentiert ihre Videokunst häufig in atmosphärischen Installationen. 2011 gewann sie den Max Mara Prize for Women 2011. Bei den Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen 2010 erhielt sie den Hauptpreis.

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