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Kultur Kurt Schwitters im Schauspiel Hannover
Nachrichten Kultur Kurt Schwitters im Schauspiel Hannover
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18:41 05.11.2012
Inspiration im Merzbau: die Darsteller des Schauspiel-Ensembles Hannover, Mathias Max Herrmann und Wolf List. Quelle: Arzu Sandal
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Hannover

Es war einmal ein Maler, „der malte wie die Lärche trällerte“. Was aber dem Wolf nicht gefiel, der drohend um des Künstlers Haus schlich. Mit diesem (politischen) Gruselmärchen begann der Kurt-Schwitters-Abend „Bürger haben kurze Fliegen“, den das Schauspiel Hannover in Kooperation mit NDR Kultur und dem Sprengel Museum auf der Cumberlandschen Bühne präsentierte. Damit gratulierte man dem Künstler, der einst aus seinem Haus in Hannover vertrieben wurde, etwas verspätet zum 125. Geburtstag.

Anna Hartwich hat mit Aljoscha Begrich die Texte zusammengestellt und ist auch für die szenische Einrichtung verantwortlich. Ihr stand ein Quartett von gut aufgelegten Schauspielern - Lisa Natalie Arnold, Mathias Max Herrmann, Camill Jammal und Wolf List - zur Verfügung, die mit den unterschiedlichsten Stimmungslagen exzellent zurechtkamen und sich auch von den schrägsten Nonsensnummern nicht zum Chargieren verführen ließen. Sie wussten mit kleinen, präzis gesetzten Gesten und einer nie übertrieben eingesetzten Mimik scheinbar mühelos und gleichsam nebenbei Befremden, Belustigung oder Überraschung auszudrücken. Selbst aus der Aufzählung von Städtenamen entwickelten sie ein kleines Kabinettstückchen. Stephan Meier entwickelte im Hintergrund eine bizarre Geräuschkulisse und setzte Klaviertasten, Pauken und Bürsten als gleichberechtigte Instrumente ein.

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Diese Textcollage (der bildende Künstler war hier vor allem als Lautmaler zu bewundern) verband und kontrastierte zugleich Komik und Katastrophe. Zu hören waren etwa der muntere Nonsensschlager im Comedian-Harmonists-Stil oder ein Monolog in der Tradition des literarischen Kabaretts - ein nicht enden wollendes Gezeter über einen Papagei, der sich alle Federn ausgerupft hatte und nun von der forciertes Hessisch babbelnden Besitzerin als nackisches Tiersche bejammert wurde.

Anna Hartwichs Textcollage war freilich keine Nummernrevue, keine Rosinenpickerei; sie entwarf auch ein differenziertes Porträt von Schwitters’ demonstrativ unpolitischer Ästhetik. Schwitters wurde als Avantgardist und früher Vertreter der konkreten Poesie präsentiert, für den die Sprache weniger Bedeutungsträger als Tonmaterial war.

Mit seinem Merzkunstkonzept, das an diesem Abend in vielen Beiträgen beschworen wurde, beanspruchte Schwitters zwar, dass die von ihm geschaffene „abstrakte Kunst“ die eigentlich zeitgemäße sei. Zugleich aber wandte er sich dagegen, Kunst als politisches Werkzeug zu benutzen.

Auch wenn seine Kunst nicht in die Politik eingreifen wollte, die Politik mischte sich in seine Kunst ein. Mit Zitaten aus Briefen an die Familie oder einen Verleger, den er um Aufträge anbetteln musste, ergab sich das Bild eines harten Exils in Norwegen und England. Bitterarm, von Lungenbluten gepeinigt, schrieb er in seinem Todesjahr 1948 an seine Familie.

Wirklich provozierend wirkt seine Wortkunst heute freilich nicht mehr. Kritiker, „durch Merzbiss tollwütig“ geworden, die ihn bekämpfen würden, würden sich heute nur noch lächerlich machen. Dieser Abend ehrt einen Vorreiter, einen Avantgardisten, dessen Wortkunst uns heute vor allem amüsiert. Anrührend aber ist es, wie der Exilierte seinen hannoverschen Lokalpatriotismus zelebrierte.

Weitere Aufführungen am 29. Dezember am gleichen Ort, am 8. Januar 2013 im Sprengel Museum. Zu hören ist es auf NDR Kultur am 30. Dezember um 20.05 Uhr.

Karl-Ludwig Baader

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