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Nachrichten Kultur Kurt Weills Musical „Lady in the Dark“ an der hannoverschen Staatsoper
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18:13 16.10.2011
Von Rainer Wagner
Ein Traum in Weiß: Liza Elliott (Winnie Böwe ) und Randy Curtis (Christopher Tonkin). Quelle: Jörg Landsberg
Hannover

Sie kann sich nicht entscheiden. Beim Titelbild für die nächste Magazinausgabe, beim Familienstand, beim Mann ihrer Wahl. Die Gründe für diese Ratlosigkeit liegen im Dunkeln. Deshalb legt sich die „Lady in the Dark“ auf die Psychiatercouch und lässt in sich blicken. Was dort zu sehen ist, hat in der hannoverschen Staatsoper die Premierenbesucher fasziniert. Kurt Weills Musical wurde zu Recht gefeiert.

Das ist nicht selbstverständlich, denn dieses 70 Jahre alte Stück war zwar am Broadway zunächst ein großer Erfolg, verschwand dann aber von den Bühnen. Nennenswerte Produktionen in Deutschland kann man an den Fingern einer Hand abzählen.

Das liegt wohl auch daran, dass sich die Deutschen schwertun mit dem amerikanischen Kurt Weill. Erst den Mann vertreiben und ihm dann übelnehmen, dass er auf dem Broadway sein Glück sucht. Dass es zwischen dem deutschen Songspiel-Weill und dem amerikanischen Musical-Komponisten auch noch einen Pariser Weill gab und (schon in Amerika) auch einen biblisch-jüdisch Engagierten, macht es nicht einfacher.

Obendrein ist „Lady in the Dark“ nicht nur ein Traumspiel, was im Theater öfter vorkommt, sondern auch ein Psychodrama. Entstanden in einer Zeit, in der die Begeisterung für die freudianische Psychoanalyse religiöse Züge annahm. Gottlob hat Buchautor Moss Hart seine eigenen Analyseerfahrungen nicht ganz so todernst verarbeitet (und die aktuelle Textfassung von Roman Hinze lockert alles zusätzlich auf). Die Titelheldin lässt sich auch ohne Freuds „Traumarbeit“ verstehen: Heute würde man Liza Elliott wohl als Burn-out-Gefährdete mit ­Panikattacken und cholerischen Anfällen diagnostizieren und eine frühkindliche Kränkung als Ursache finden.

Wer als hässliches Entlein zurückgewiesen wurde, der erfindet sich eben später als Schwanen-Macherin wieder. Liza Elliott ist Herausgeberin des Modemagazins „Allure“. Das hat nichts mit Allüren zu tun, sondern steht für Verlockung, Versuchung. Doch die gesteht Liza Elliott nur den anderen Frauen zu: Der arme Teufel trägt nicht Prada, sondern Grau. Dafür sind ihre Träume umso farbiger.

„Lady in the Dark“ ist eine Herausforderung. Nicht für den neugierigen Zuschauer, aber für das Theater und seinen Apparat. Das beginnt schon damit, dass dieses Musical ein Zwitterstück ist. Der gesprochene Textanteil ist größer als der Musikbeitrag – auf den ersten Ton wartet man fast zehn Minuten lang. Aber das hannoversche Opernensemble meistert die Schauspielherausforderung souverän (und geschickter als das hiesige Schauspiel seine Gesangsprobleme, die in Kurt Weills „Silbersee“ zeitgleich in Hannover zu erleben sind).

Die Geschichte springt zwischen Redaktionsbüro, Psychiaterpraxis und den Traumwelten hin und her. Matthias Davids, der in Hannover schon mehrfach gezeigt hat, wie gute (und kluge) Unterhaltung aussieht, koordiniert diese Sprünge punktgenau und hat immer noch einen Einfall parat. Heinz Hauser hat ihm mit einer Spiegelkonstruktion einen raffiniert zu nutzenden Spielraum geschaffen – und später für die Gerichtsszene im Zirkustraumbild auch noch ein pfiffiges Bild. Kostümbildnerin Judith Peters durfte in die Vollen greifen. Was die Staatsoper bei der ausstattungsminimalistischen „Traviata“ einsparen konnte, das wird hier in den Stoff umgesetzt, aus dem die Träume sind. Man kann gar nicht so schnell hinsehen, wie die Kleider gewechselt werden. Allen voran von Winnie Böwe, die als Liza Elliott eine Traumbesetzung ist, weil sie den rechten Ton trifft. Ob „Die Geschichte der Jenny“ oder das sinnstiftende Lied „Mein Schiff“ (das am Ende endlich kommt und das Happy End mitbringt), Winnie Böwe meidet Opernpathos, ohne sich im Nightclub zu verlieren.

Das alles ist amüsant, wenn die Modeverrückten von Pontius zu Pilates rennen. Das entwickelt den zu erwartenden Kinderzauber im Zirkustraum (nicht umsonst spricht man vom Modezirkus), in dem Daniel Drewes im Song „Tschaikowsky (und andere Russen)“ 50 russische – oder zumindest russisch klingende – Komponistennamen in einer guten Minute unterbringen will.

Diese verbale Zirkusnummer, die Songtexter Ira Gershwin bei seinen Jugendarbeiten wiedergefunden hatte, war bei der Uraufführung der Durchbruch für Danny Kaye, in Hannover wiederholt Drewes den Song noch mal mit mehr Speed. Und am Ende, nach dem Jubel, zeigt das Ensemble, dass es den halsbrecherischen Song gemeinsam drauf hat.

Chor und der agile Kinderchor sind von Dan Ratiu wohl instruiert, auch wenn man vom Chor nicht immer alles versteht. Melissa Kings Choreografie wird vom Ballett gewitzt umgesetzt, und das Ensemble demonstriert, wie homogen Schauspieler, Sänger und Sängerschauspieler zusammen arbeiten. Zumal Mark Rohde am Dirigentenpult alles und alle souverän koordiniert – etwa auch Uwe Kramer als Psychiater Dr. Brooks, Christopher Tonkin als Schauspielstar Randy Curtis oder Roland Wagenführer als Bye-bye-Big-Daddy Kandell Nesbitt. Kerstin Thielemann (Maggie Grant), Katharina Solzbacher (Alison Du Bois) und die herrlich schräge Mareike Morr (Elinor Foster) geben dem Modezirkusaffen sogar noch etwas mehr Zucker.

Am Ende bekommen sich die beiden Zeitungsmacher Charles Johnson (charmant starrsinnig: Fabian Gerhardt) und Liza Elliott, aber das hat man geahnt, denn was sich neckt, das liebt sich. Und wird von den Augenzeugen geliebt.

Wieder am 20., 22., 25. und 28. Oktober: Kartentelefon: 0511-99991111.

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