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Kultur „La Nana – Die Perle“: Hommage an eine Haushälterin
Nachrichten Kultur „La Nana – Die Perle“: Hommage an eine Haushälterin
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20:06 16.06.2010
Von Stefan Stosch
Nie ohne eine bittere Miene: Catalina Saavedra spielt in „La Nana – Die Perle“ die Haushälterin Raquel. Quelle: Arsenal
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Das Personal ist heutzutage auch nicht mehr das, was es mal war. Raquel (Catalina Saavedra) zum Beispiel, seit mehr als 20 Jahren Haushälterin bei der Familie Valdez in Chiles Hauptstadt Santiago. Sie schaut so finster drein, dass der Frühstückstee bitter werden müsste.

Dabei will niemand Raquel was Böses, die Kinder nicht, an denen sie hängt, und deren Eltern, also ihre Arbeitgeber, auch nicht. Die Valdez halten ihrer Angestellten die Treue, egal, wie widerborstig ­Raquel ihr Tagwerk verrichtet und wie verdrossen sie in die Welt stiert.

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Und das will etwas heißen: Raquel hat ihre Loyalität mit gezielter Boshaftigkeit unterminiert, wenn ihr etwas partout nicht in den Kram passt. Frühmorgens schaltet sie den Staubsauger ein, damit die Tochter garantiert nicht ausschlafen kann. Und wenn sie das ungeliebte Kätzchen wieder loswerden will, das ihre ausgeprägte Ordnungsliebe stört, setzt sie das Tier vor das empfindliche Segelschiffmodell, an dem der Hausherr ein ganzes Jahr lang gebastelt hat.

Anfangs rätselt der Zuschauer in dem chilenischen Film „La Nana – Die Perle“ noch, wohin diese versteckten Aggressionen führen sollen. Handelt es sich um einen Psychothriller, wird Raquel irgendwann ganz und gar ausrasten und womöglich ein Blutbad anrichten? Will der 31-jährige Regisseur und Drehbuchautor Sebastian Silva also einen Aufstand einer Unterprivilegierten anzetteln, wie ihn beispielsweise der französische Kollege Claude Chabrol in „Biester“ inszeniert hatte?

Am 17. Juni startet das Drama „La Nana“ in den deutschen Kinos.

Tatsächlich hat Silva andere Pläne. Er hat den Film den beiden Dienstmädchen seiner Kindheit gewidmet und sogar im eigenen Elternhaus gedreht. Erst allmählich wird klar, dass es sich hier um eine ungewöhnliche Würdigung des Hausmädchens als solchem handelt. Vielleicht sogar um eine Art Entschuldigung für eigene Nachlässigkeiten und Unachtsamkeiten gegenüber den Begleiterinnen seiner Kindheit?

Denn so sehr die Familie ihrer Haushälterin auch zu helfen versucht, sie gehört doch nicht dazu. Wenn die Familie mit dem Glöckchen bimmelt, muss sie zur Stelle sein (falls sie die Glocke nicht geflissentlich überhört, worin sie eine gewisse Professionalität entwickelt hat). Und so sehr Raquel die Valdez-Kinder auch als die ihren betrachtet, letztlich soll sie doch nur deren Funktionieren zwischen Frühstück und Zubettgehen organisieren.

Raquel führt kein eigenes Leben, sondern hat das ihre ganz in den Dienst der anderen gestellt. Das vornehme Haus der Valdez ist für sie eine Art Gefängnis. Nur Tabletten helfen ihr noch über die immer häufigeren Schwindelanfälle und Kopfschmerzen hinweg. Vor allem aber, und das ist für Raquel das Schlimmste: Sie ist ersetzbar. Klar wird ihr das, als ihre Arbeitgeber ihr in bester Absicht eine zweite Hilfe zur Seite stellen wollen, um sie zu entlasten. Grimmig verteidigt ­Raquel ihr Revier gegen die Rivalinnen.

Der Regisseur zeigt das mit gut gelaunter Bösartigkeit, die direkt in Slapstick mündet, wie er eines Stummfilms würdig wäre. Herrlich, wie die Haushälterin die vermeintlichen Konkurrentinnen bei der nächstbesten Gelegenheit einfach aussperrt und dann hinter der Gardine lauert oder wie sie im Bad Desinfektionsmittel als chemische Keule einsetzt.

Catalina Saavedra spielt ihre Rolle bestechend: Sie wirkt wie ein schweigender Clown, der niemals lacht. Man weiß nicht so recht, ob man ihre Raquel nun komisch oder traurig finden soll. Dieser Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, so scheint es jedenfalls, ist einfach nicht zu helfen.

Dann jedoch kommt die junge Peruanerin Lucy (Mariana Loyola) ins Haus. Die neue, lebensfrohe Kraft lässt sich durch Raquels Drangsalierungen nicht in die Defensive drängen. Sie ist auch nicht bereit, ihre eigenen Interessen aufzugeben. Ja, sie versteht sogar Raquels innere Qualen. Und plötzlich entdeckt auch ihre altgediente Kollegin etwas in sich, was bislang überhaupt nicht auf ­ihrem Tagesprogramm auftauchte: eigene Vorlieben, ja, ihre eigene Identität. Ist womöglich doch noch ein Ausbruch aus dem Gefängnis möglich?

„La Nana“ ist das präzise beobachtete Porträt einer tief verunsicherten Frau. Mit diesem konzentrierten Kammerspiel hat der Regisseur international Furore gemacht. Unter anderem gewann er den Jurypreis bei dem von Robert Redford gegründeten, renommierten Sundance-Filmfestival. Eine so verquere, jedoch wunderbare Hommage ans Hausmädchen hat man ja auch selten gesehen.

Dem Hausmädchen zu Ehren: Gelungenes Porträt einer einsamen Frau. Kinos am Raschplatz.

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