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Kultur Das „Best off“- Festival präsentiert die besten niedersächsischen Produktionen aus der freien Theaterszene
Nachrichten Kultur Das „Best off“- Festival präsentiert die besten niedersächsischen Produktionen aus der freien Theaterszene
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00:29 30.04.2018
„Best off 2018“: Landerer & Company zeigen ihr ausgezeichnetes Stück „Gala“ Quelle: Frank Wilde
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Hannover

„Ich glaube an Kooperation und gegenseitige Beeinflussung“, sagt Schauspielhaus-Dramaturg Johannes Kirsten bei der Eröffnung des Festivals Best Off der Stiftung Niedersachsen stellvertretend für dessen Jury. Das Festival prämiert alle zwei Jahre die besten niedersächsischen Produktionen aus der freien Theaterszene. Was die mit seiner und anderen Institutionen zu tun hat, verdeutlicht Kirsten: „Für die junge Generation ist das Wandern zwischen den Welten viel selbstverständlicher geworden.“ Die Stadt- und Staatstheater erhielten inzwischen zahlreiche Impulse aus der freien Szene, die ihre Themen oft deutlich beherzter jenseits eines etablierten Theaterkanons wähle. Eine solche Vielheit von Formen, Inhalten und Ästhetiken bereichere die gesamte Theaterlandschaft. Allerdings sei die Gegenseitigkeit zunehmend von Bedeutung: „Auch die Bedingungen der freien Szene müssen sich dabei verbessern.“

Sechs Produktionen wählte die Jury für Best Off aus. Sie erhalten bereits für die Teilnahme am Festival jeweils 10000 Euro Preisgeld. „Das Spektrum der Herangehensweisen ist denkbar groß“, sagt Gunter Dunkel, der das Festival für die Stiftung Niedersachsen als deren Präsident eröffnet. Dabei werde deutlich, wie wichtig freies Theater als Impulsgeber sei – auch dafür, die Kunst immer weiter zu entwickeln.

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Zugleich sei das Festival auch immer ein Indikator für aktuell besonders virulente Themen. Da verwundere es kaum, dass sich diesmal viele Stücke mit Themen wie Flucht, Terror, Migration, Identität und Heimat beschäftigen. Dunkel begrüßt das ausdrücklich: „Die Vorstellung von einem sortenreinen Deutschland ist ein Zerrbild.“ In Publikums- und Personalstrukturen der Theaterinstitutionen bilde sich diese kulturelle Vielfalt aber noch zu selten ab. „Ich bin froh, dass sich die freie Theaterszene verstärkt diesen diversen Wirklichkeiten widmet“, betont Dunkel.

 Am Eröffnungsabend wird dies unter anderem im autobiografischen Essay „Home Run“ der Agentur für Weltverbesserungspläne deutlich, wenn Hartmut El Kurdi seine exotische Familiengeschichte als multikulturelle Normalität erzählt. Sein wie er in Jordanien geborener, aber in Großbritannien lebender Bruder sagt in einer Filmeinspielung: „Ich wurde dafür geboren, keine Grenzen zu mögen.“ Die Eröffnungsparty im Kulturzentrum Pavillon wird zu später Stunde noch einmal lebhaft. Das Ensemble der Produktion „Wir haben die Angst gefressen“ des Theaters Das Letzte Kleinod, das in Eisenbahnwaggons im Bahnhof Laatzen spielt, kommt dazu.

 Darunter sind zahlreiche junge Geflüchtete aus Syrien, die ihren Theatererfolg ausgelassen mit Musik und Gesang feiern. Johann Gottfried von Herders in „Home Run“ zitierter Satz drängt sich ins Bewusstsein: „Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss.“ Dazu gesellen sich Kirstens Eröffnungsworte, Theater stelle immer wieder die Frage nach dem eigenen Selbstverständnis: „Diesen Definitionsraum müssen wir gemeinsam immer weiter abstecken.“

Von Thomas Kaestle